Lungensucht


Lungensucht

Lungensucht (Lungenschwindsucht, Phthisis pulmonalis), auszehrende Krankheit der Lungen meist mit Zerstörung des Gewebes durch Vereiterung, wie bei der eigentlichen L. (Tuberkelsucht der Lungen, Tuberculosis pulmonum). In Berücksichtigung des Auswurfes bei der L. unterschied man a) die eiterige L. (Pthisis pulm. purulenta s. ulcerosa), wo reiner Eiter ausgehustet wird, wie bei eiterig zerfließenden Lungenentzündungen, bei Lungenabscessen nach Eitervergiftung des Blutes, bei Eiteransammlungen im Brustfellsacke, welche sich nach der Luftröhrenverzweigung hin entleeren, bei manchen Tuberkulosen; b) Schleimschwindsucht der Lungen (Phth. pulm. pituitosa), mit reichlicher Entleerung von Schleim unter hektischen Zufällen bes. bei den langsam verlaufenden Lungentuberkelsuchten älterer Personen; bloße chronische Lungenschleimflüsse führen selten zu Auszehrung; c) die knotige L. (Phth. pulm. nodosa s. tuberculosa s. scrofulosa), wo der Kranke käsige, bröekliche Knötchen aushustete od. wo Tuberkelknoten in den Lungen sich nachweisen lassen; d) die galoppirende L. (Phth. pulm. florida), wo sich ziemlich rasch u. wenigstens zu Anfang ohne allen Auswurf bei häufigem trocknen Husten u. Fieberbewegung ein abzehrendes Lungenleiden ausbildet, namentlich bei jungen zartgebauten, sanguinischen Personen von lebhaftem Wachsthume, schmächtiger Statur, seiner Haut u. umschriebener Wangenröthe in acut verlaufenden Tuberkelbildungen bestehend. Oft aber liegen auch andere Krankheiten der Lunge, des Herzens od. des Rückenmarks zu Grunde. Die chronische Lungentuberkelsucht ist die gewöhnliche u. eigentliche L., entwickelt sich aus einzelnen verstreut od. gruppirt stehenden Lungenknötchen, zwischen welche in Folge von Entzündung eine tuberkulöse Masse sich ablagert (Stadium der Ablagerung), so daß durch weiteren Ansatz ganze Partien des Lungengewebes luftleer werden u. sich verdichten. Inmitten dieser Tuberkelmassen beginnt Erweichung, Schmelzung (Stadium der Erweichung) u. Zerfließen zu Eiter (Lungengeschwür), welcher sich in die nächsten Bronchien ergießt u. eine von tuberkulösen Wänden umgebene Eiterhöhle (Vomica, Caverna tuberculosa, Stadium der Geschwürshöhlen) zurückläßt. Diese Eiterhöhle greift um sich od. schließt sich u. vernarbt (Stadium der Vernarbung). Im Anfang der Krankheit zeigt der Kranke zumeist ein häufiges, kurzes u. trockenes Hüsteln (Tussicula phthisica), käsigbleiche, durchscheinende Haut, später erst tritt eiterig-schleimiger Auswurf, auch zuweilen blutstreifig od. blutig gefärbt. Mittelst der physikalischen Diagnostik lassen sich die mit Lungenknoten erfüllten Gewebspartien, ferner die Eiterhöhlen durch das sogen. Höhlenathmen, Flaschensaufen, die Höhlenstimme od. Pectoriloquie erkennen. Die begleitenden Zustände sind tuberkulöse Anschwellungen der Bronchialdrüsen, Luftröhren- u. Kehlkopfgeschwüre, Brustfellentzündung, Durchbohrung des Brustfells u. Eintritt von Luft in dessen Sack (Pneumothorax), Herzerweiterung etc.;[614] serner Affectionen der verschiedensten Körperorgane. Zuletzt tritt Zehrfieber u. Wassersucht ein. Die Ursachen der L. sind in der tuberkulösen Bluterkrankung (Tuberkeldyskrasie, s.d.) zu suchen, welche sich gern die Lunge zum Sitz auserwählt, weil in diesem blutreichen Organe sehr leicht Circulationsstörungen geschehen, zumal durch mangelhafte Entfaltung der Thätigkeit der Athmungsorgane od. durch die vielfachen auf die Lunge wirkenden Schädlichkeiten wie Einathmungen von Staub, schlechter od. erkältenden Luft. Bei sehr nahem Umgange, Gebrauch derselben Kleider u. Betten hält man allgemein die L. für ansteckend. Die Naturheilung der L. ist nicht selten; sie erfolgt durch Stillstehen der Tuberkelneubildung, Vertrocknen, Veröden u. Verkalken der schon gebildeten Knoten, Verschrumpfen u. Vernarben der Höhlen selbst u. zwar zumeist mittelst Ausbildung eines Lungenemphysems, einer Verkrümmung der Wirbelsäule, behinderten Athmens durch Druck. auf die Luftwege (wie bei Bronchialdrüsengeschwülsten), Ausbildung venöser Herzkrankheiten. Die Behandlung hat zuerst die Krankheitsanlage möglichst zu bekämpfen, wozu eine geregelte Lebensweise u. gesunde Luft das Meiste beitragen, sodann den oft quälenden Husten zu mildern, neue Ablagerungen von Tuberkelstoffen zu verhüten u. die vorhandenen zur Aufsaugung, Verödung u. Vertrocknung zu bringen. Die für die verschiedenen Stadien der L. empfohlenen Heilmittel sind verschiedene Mineralwasser, wie z.B. Obersalzbrunn, Ems, Kissingen, Homburg, dann Ziegenmilch-, Molken-, Leberthran-, Speckkuren, ferner Jod, Eisen, Schleim, dauernde Ableitungen durch Fontanelle, Pockensalben etc., Einathmungen von Dämpfen (Ramadge's Inhalator) u. Lungengymnastik, schleimige Mittel wie Roggenmehlbrei, Carragheenmoos u. Isländisches Moos, Schneckenbrühen, Dachs- u. Hundefett, die Lieber'schen Kräuter (s.d.). Vgl. Scharlan, Rationelle Heilung der Lungenknoten, Berl. 1839; Rösch, Lungenschwindsucht, Stuttg. 1839; Altenstern, Die L., Wien 1840; Campbell, Observ. on tubercul. consumption, Lond. 1841; Hilbert, Pulmonary consumption, ebd. 1842; Chenau, Phthisie pulmonaire, Par. 1843; Bell, Observ. on the treat. of incipient Phthisis, Glasgow 1844; Pereira, Beweis, daß die L. heilbar ist, aus dem Franz., Weim. 1844; Evans, Vorlesungen über die Lungenschwindsucht, aus dem Engl. von Behrend, Lpz. 1846.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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