Prevorst


Prevorst

Prevorst, einsames Gebirgsdorf bei der Stadt Löwenstein im Oberamte Marbach des württembergischen Neckarkreises; mit 400 Ew., meist armen Waldarbeitern. Geburtsort der als Seherin von P. berühmt gewordenen Somnambüle Friederike Hauffe, geb. 1801 daselbst, Tochter des Revierförsters Wanner. Schon als Kind war sie nervenschwach, hatte oft Wehegefühl u. Frieren u. zeigte eine seltsame Reizbarkeit bei der Nähe von Todten u. Gräbern, auch Neigung zum Wunderbaren, zu Ahnungen u. Geistererscheinungen; 1819 verheirathete sie sich auf den Wunsch ihrer Eltern mit dem Förster Hauffe u. zog mit demselben nach Kürnbach, einem einsamen Walddorfe an der badischen Grenze; dort ging, sieben Monate nach ihrer Heirath, ihre Nervenreizbarkeit in völliges Nervenleiden über; sie fiel in ein heftiges, 14 Tage anhaltendes Fieber, aus welchem sich ein theils krampfhafter, theils mit erhöhter körperlicher u. geistiger, bis zu Visionen, Geistersehen etc. gesteigerter Empfindlichkeit verbundener u. mit magnetischen Erscheinungen durchflochtener Zustand entwickelte. Sie fühlte sich von einem Geiste magnetisirt, in welchem sie später ihre Großmutter erkannte, von siderischen Einflüssen durchdrungen u. von Eisen, so von jedem Nagel in der Wand, schmerzlich berührt, konnte kein Licht vertragen u. verordnete sich selbst Magnetisiren. An das Fieber schlossen sich Brustkrämpfe an, welche 18 Wochen lang ununterbrochen fortdauerten, u. mit 32 Aderlässen u. wiederholtem Ansetzen von Blutegeln behandelt wurden. Nur durch Handauflegen von Seiten des Arztes auf den Kopf u. einige magnetische Striche ließen sie sich beruhigen, u. diese Einwirkungen erzeugten, mit der vorhandenen Anlage zu Somnambulismus zusammentreffend, einzelne magnetische Erscheinungen. Einer schweren künstlichen Entbindung im Februar 1823 folgte ein 22 Wochen anhaltendes Fieber, welches wieder in die heftigsten Krämpfe u. Nervenschwäche überging u. die Reizbarkeit des äußern u. des innern Sinns zu einer enormen Höhe führte. Eine eingeleitete magnetische Cur vermochte nicht den Somnambulismus zur Entwickelung zu bringen, die Kranke gelangte vielmehr nur in einen wachen, somnambül exaltirten Zustand, sie wollte Zukünftiges in Glas- u. Krystallspiegeln, in einem Glas Wasser, welches zufällig auf dem Tisch stand, Personen, welche erst 1/2 Stunde nachher in die Stube traten, erblicken, Geister sehen etc., letztere waren Bekannte u. Unbekannte, zum Theil seit Jahrhunderten Verstorbene. Sie erschienen ihr meist in der Gestalt, wie sie sich die zu erscheinenden Personen dachte, in der gewöhnlichen Tracht ihres Lebens. Eine zweite gewaltsame, im December 1824 erfolgende u. von denselben Umständen, wie die erste, begleitete Entbindung verschlimmerten ihren Zustand. Ein um Hülfe angerufener, als Teufelsbanner bekannter Mann gab ihr ein grünes Pulver, worauf sie erst wie vom Veitstanz befallen erschien u. dann in Schlaf verfiel, in welchem sie eine unbekannte Sprache redete, u. zugleich ein Amulet, welches aber wie lebend über ihre Brust u. die Bettdecke weglief. Abwechselnd an Krämpfen, somnambüler Empfindlichkeit, Fieber, Blutflüssen, blutigem Durchfall, Nachtschweißen u. Skorbutzustand leidend, kam sie im Februar 1826 zu Iust. Kerner nach Weinsberg, unter dessen Leitung sich durch eine 22tägige magnetische Behandlung bei ihr ein vollkommen magnetischer Schlaf, jedoch ohne bedeutendes Hellsehen, ausbildete. Ihre Exstasen, begleitet von Geistersehen, steigerten sich u. sie starb 5. August 1829. Im Moment des Todes wollte ihre Schwester (gleichfalls eine Geisterseherin) eine hohe helle Gestalt in das Zimmer haben treten sehen, worauf die Hauffe unter einem hellen Schrei verschied. Die Section ergab Verhärtungen u. Vergrößerungen der Gekrösdrüsen u. Entzündung des Herzens u. der Lungen, bei völliger Integrität des Gehirns u. Rückenmarks. Ob dieser Fall wirklicher durch magnetische Behandlung erzeugter Somnambulismus, wie Kerner glaubte, od. das Resultat eines in das thierisch-magnetische Leben hinüberstreifenden, od. sich mit demselben vermischenden Zustandes eines krankhaft exaltirten u. zerrütteten Nervenlebens war, u. welchen Antheil sie an den Erscheinungen, durch die Begierde Aufsehen zu erregen, sowie Selbsttäuschung Iust. Kerners hatte, bleibt dahin gestellt. Vgl. I. Kerner, Die Seherin von P., Stuttg. 1829, 2 Thle., 4. A. 1846; Eschenmayer, Mysterien des inneren Lebens, erläutert aus der Geschichte der Seherin von P., Tübing. 1830; Das verschleierte Bild zu Sais, eine Beleuchtung der Kernerschen Seherin von P., Lpz. 1830.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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