Antwerpen [1]


Antwerpen [1]

Antwerpen (Antorf, Anvers, Antwerpia), 1) Provinz in Belgien, sonst das französische Departement beider Nethen, der alten Markgrafschaft A. u. Herrschaft Mecheln entsprechend, zwischen Nord- u. SBrabant, Limburg u. OFlandern; 511/2 QM.; 441,180 Ew., Flamänder u. katholisch. Flüsse: Schelde, die hier die Rupel mit der Nethe, Dyle u. Senne aufnimmt, viele Kanäle zur Verbindung mit Mecheln etc. Boden: meist niedrig u. sandig, nördlich morastig u. haidig (die Campine); Klima feucht, gemäßigt; Beschäftigung: Acker- u. Gartenbau, Viehzucht u. Spitzenklöppeln; 3 Bezirke, A., Mecheln u. Tornhont; 2) Bezirk; 216,920 Ew.; 3) Hauptstadt der Provinz, am rechten Ufer der schiffbaren, hier 1900 rhein. F. breiten Schelde, hat trefflichen Hafen für mehr als 1000 Schiffe u. große, von Napoleon gebaute Bassins mit schönem Arsenal für Seebedarf; Eisenbahnen gehen von hier direct nach Mecheln (Brüssel), nach Gent u. nach [583] Rotterdam; starke Festung, mit alten spanischen Bastions, meist nassen Gräben; Citadelle (ein bastionirtes Fünfeck) mit Ravelins, u. jenseit des Glacis mit starken gemauerten Lünetten; schöne Kirchen, darunter ist bes. ausgezeichnet die große Kathedrale Unserer Lieben Frauen (1422–1518 nach Amelius Plane gebaut, mit prächtigem, 391 F. hohem Thurm, in gothischem Styl, darin Gemälde von Rubens, die Kreuzabnahme u. Kreuzerhöhung u. v. a.), Jakobskirche (mit Rubens Grabmale), Pauls-, St. Augustinskirche etc.; Börse, 1531 erbaut, 1854 mit einer eisernen Kuppel bedeckt, Haus der Osterlinge (Hanseatisches Haus, od. Niederlage der alten Hansa), großes Arsenal (1830 abgebrannt), sehr schönes Rathhaus u. g. Gebäude; Rubensdenkmal, 1840 errichtet, u. Van Dyck-Standsäule seit 1856; königl. Gymnasium (Athénée), nebst einer Ecole moyenne, Schifffahrtsschule, Bibliothek, Akademie der schönen Künste (als Brüderschaft von St. Lukas im Anfang des 15. Jahrh. entstanden; aus ihr gingen die berühmtesten Maler der Flandernschen Schule hervor, erhielt 1510 den Namen Akademie der Bildhauer- u. Malerkunst, 1855 reorganisirt); Akademie der Archäologie, königliche Gesellschaft der Grammatik u. Poesie, Gesellschaft der Freunde der Künste u. des allgemeinen Nutzens; Museum (ein ehemaliges Carmeliterkloster, reich an Gemälden aus der Fladernschen Schule, bes. von Rubens, Quintin Messis, Voß, Jordans, Van Dyk etc.); Zoologischer Garten. Man fertigt Tapeten, Spitzen, schwarze Seidenstoffe, Kattun, Gold- u. Silberwaaren, Schiffe, schleift Edelsteine, siedet Zucker etc. u. treibt bedeutenden Handel; 107,176 Ew. – A. kommt zuerst im 8. Jahrh. vor u. durch seine, zum Handel wohl passende Lage an der Schelde blühte es schnell auf, daß es im 11. u. 12. Jahrh. schon ein bedeutender u. reicher Platz u. im 16. Jahrh. der Mittelpunkt des ganzen Handels war u. 200,000 Ew. gehabt u. oft zugleich 2500 Schiffe hier gelegen haben sollen. Die niederländischen Unruhen im 16. Jahrh. änderten dies. Fanatische Bilderstürmer hatten 1566 viel Unordnungen verübt, weshalb schon die Satthalterin Margarethe von Parma eine stärkere Besatzung nach A. legte u. Herzog Alba durch die Italiener Paciotti u. Cerbelloni 1568–72 die Citadelle bauen ließ. Die Stadt war schon 1546 nach spanischer Manier befestigt. 1574 machte Wilhelm von Oranien durch Joh. von Alonso den Versuch, die Citadelle zu überrumpeln, aber das Unternehmen wurde verrathen; ebenso mißlang ein 2. Anschlag, A. durch eine, von Lille kommende Flotte zu nehmen. Am 4. Nov. 1576 kam es in der Stadt zwischen den deutschen u. ständischen Truppen u. zwischen den Spaniern, die wegen rückständigen Solds aus der Citadelle hervorbrachen, zum Kampf, die Verschanzungen Ersterer wurden erstürmt u. die Stadt ausgeplündert, das Rathhaus u. 600 Häuser verbrannt u. 10,000 Bürger getödtet (Spanische Furie). Am 1. Aug. 1577 erhielten die Städter die Citadelle eingeräumt, worauf sie die die Stadt dominirenden Forts zerstörten. 1582 wurde der Herzog Franz von Alençon, auf Anstiften Wilhelms von Nassau, von den Staaten zum Herzog von Brabant ausgerufen u. versuchte vergebens sich A-s zu bemächtigen. Im Juli 1584 belagerte Alexander Farnese, Herzog zu Parma, A. u. eroberte sie, trotz der tapferen Vertheidigung von Philipp Marnix, Herrn von Adelgonde, durch Capitulation am 17. Aug. 1585, s. u. Niederlande (Gesch.); alle Protestanten mußten laut der Capitulation A. verlassen. Hier wurde am 12. April 1609 der 12jährige Waffen stillstand zwischen den Vereinigten Niederlanden u. Spanien geschlossen (s. ebd.). Im Westfälischen Frieden 1648 ward durch die Abtretung der Scheldemündungen an Holland der Handel von A. vernichtet u. A-s Wohlstand sank sehr. Bei der span. Successionsfrage 1702 hielten die Franzosen im Namen Philipps V. A. besetzt u. räumten es erst 1713 im Frieden von Utrecht den Kaiserlichen ein. 1715 wurde der schon 1706 zwischen Holland u. England geschlossene Barrieretractat vom Kaiser bestätigt, u. die Schelde blieb hierdurch für A. geschlossen. 1746 wurde die Citadelle von A. durch die Franzosen unter dem Marschall von Sachsen belagert u. nach 7 tägiger Vertheidigung den Kaiserlichen entrissen. 1792 nahmen die Truppen der französischen Republik die Citadelle von A.; zwar eroberten sie die Österreicher 1793 zurück, aber im Juli 1794 nahm Pichegru A. von Neuem, u. nun wurde A. mit Frankreich vereinigt, die Schelde aber A. wieder geöffnet u. A-s Handel begann wieder zu blühen. Unter Napoleon wurden die Werke von A., bes. durch Carnot, der 1815 dort Gouverneur ward u. dem seit neuester Zeit hier ein Denkmal errichtet ist, bedeutend verstärkt. A. wurde durch die Engländer u. Preußen unter Graham blockirt u. 3.–5. Febr. 1814 bombardirt u. am 18. April übergeben; s. Russisch-deutscher Krieg von 1812–14. A. kam 1814 zu dem Königreich der Niederlande. 1830 empörte sich das Volk bei der Belgischen Revolution, u. die Holländer zogen sich in die Citadelle. Als man aber die Citadelle angriff, ließ der Commandant General Chassé das Stadtviertel St. Andreas, wo sich die meisten Insurgenten befanden, bombardiren. Nach der Londoner Conferenz sollte A. Belgien verbleiben, Holland wollte die Citadelle aber nicht räumen, u. ein französisches Armeecorps von 43,000 M. unter Gérard erschien daher vor A., eröffnete in der Nacht auf den 30. Nov. 1832 die Tranchéen, beschoß die Citadelle, u. nachdem das Fort St. Laurent den 14. Dec. genommen u. später in die Bastion Bresche gelegt worden war, capitulirte Chassé am 23. Decbr.; s. u. Belgien (Ges. h.). Hier 15.–55. Aug. 1840 Rubensfeier u. 16. Aug. 1856 Abhaltung des niederdeutschflämisch-holländischen Sprachcongresses. Für Belgien ist A. nicht nur die Metropole des Handels, sondern auch Hauptwaffenplatz, weshalb jetzt ein Verschanzungslager errichtet wird. 3) Ehemalige Markgrafschaft, existirte schon im frühesten Mittelalter, von ihr führte Gottfried von Bouillon den Titel, sie ward später zu Brabant (s.d. [Gesch.]) geschlagen.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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