Dardanellen


Dardanellen

Dardanellen, 1) die 4 Schlösser, welche am Hellespont, Straße der D., auf der asiatischen u. europäischen Küste einander gegenüber liegend, jene Meerenge beherrschen u. als der Schlüssel von Constantinopel gelten. Die beiden Schlösser am Eingang in die Straße der D. aus dem Ägäischen Meere, Kumkale u. Sed-il-Bahr, sind zwar sehr gut im Stande, aber wegen der Breite des Wassers (1 Meile) ohne besonderen Einfluß. Zur wirksamen Vertheidigung eignen sich nur die alten, an der schmalsten Stelle der Straße erbauten Schlösser Tschenekalessi u. Kilid-il-Bahr, dieses mit den vortrefflichen Strandbatterien Namasjah u. Degermen-Burun. Alle übrigen Anlagen sind zum Theil verfallen, zum Theil wirkungslos, so auch die neu errichtete Batterie von Nagara. Der preußische Major v. Moltke soll die Idee angegeben haben, ein Fort auf einen Felsen mitten in den Kanal zu bauen, wodurch in Gemeinschaft mit den beiden alten Schlössern der Durchgang sicher zu schließen wäre. Sämmtliche Forts sind gegenwärtig gut armirt, aber der bedeutenden Geschützzahl entspricht keineswegs die der Bedienungsmannschaften. Für die Bombenkanonen u. die riesigen Kammergeschütze, welche Steinkugeln von mehreren Centnern auf 3000 Schritte schleudern, deren Wiederladen u. Vorbringen aber sonst großen Zeitverlust erzeugte, hat der preußische Generalstabsoffizier v. Laue eine Lassetirung erfunden, wodurch die Kraft des Rücklaufs gebrochen u. durch die eigene Schwerkraft das Vorbringen erleichtert, mithin ihre Wirksamkeit bedeutend erhöht wird. Mit den Schlössern u. Strandbatterien allein ist übrigens die Vertheidigung der Straße der D. einem unternehmenden Feinde gegenüber sehr fraglich; es gehört dazu auch noch eine entsprechende Land- u. Seemacht. Die sämmtlichen Forts sind in der Kehle offen, die Batterien nicht casemattirt u. größtentheils von rückwärts durch Anhöhen beherrscht, so daß eine starke mobile Colonne erforderlich ist, um den etwaigen Angriffen gelandeter feindlicher Truppen auf die nicht sturmfreien Batterien zu begegnen. Die Aufstellung einer Flotte hinter Cap Nagara ist aber unerläßlich, um den, dem unsicheren u. schwerfälligen Feuer der Batterien entgangenen Schiffen, welche bei günstigem Winde in einer Stunde 13 englische Meilen u. in einer Secunde 7 Schritt durchlaufen können, also kaum mehr als Eine Ladung empfangen werden, entgegentreten zu können. Die Stadt von Tschenekalessi, der eigentliche Platz der D., ist ein schlechter Ort von ungefähr 2000 Häusern u. liegt auf einem flachen Vorsprunge. Es ist eine Dampfschifffahrtsstation u. Consulatsresidenz. Nordöstlich von Tschenekalessi ist die lange Bai Nagara-Burun, welche mit einer niedrigen Landspitze endiget; dies ist die Stelle des alten Abydos. Auf der thracischen Seite, Nagara-Burun gegenüber, springt zwischen 2 hohen Klippen ein steinichter Küstenstreifen vor, auf welcher Stelle Xerxes europäischer Seits seine Brücke angelegt haben mag. Hier setzte auch Alexanders Armee unter Parmenio von Europa nach Asien über, pflanzte zuerst Suleiman (1360) den Halbmond in Europa auf u. pflegte Leander zum Besuch bei Hero die Meerenge zu durchschwimmen, welche Heldenthat Lord Byron gleichfalls von hier[742] aus in 1 Stunde 10 Minuten vollbrachte. Bei Cap Berbieri innerhalb des berühmten Hafens, welchen das Rhöteische u. Sigeische Vorgebirge bildete, soll während des Trojanischen Kriegs die griechische Flotte an der Küste aufgefahren sein. 2) Die Klenien D. im Golf von Lepanto, 20 Minuten von einander entfernt, sind bei Cap Rhion u. Antirrhion in großartigem venetianischem Style angelegt, u. bes. war Rhion (das Moreatische Schloß) mit weitläufigen Außenwerken versehen. Dieselben wurden zwar längst aufgegeben, aber die viereckigen immer noch sehr geräumigen Forts sind wohl erhalten u. hinreichend mit gutem Geschütz versehen, in Friedenszeit aber nur mit einer kleinen dafür unzureichenden Bedienungsmannschaft. Im October 1828 wurde das Moreatische Schloß, da die Agas sich der, zwischen dem französischen General Maison u. dem Pascha von Lepanto verabredeten Übergabe meuterisch widersetzten, durch General Schneider bombardirt u. die Capitulation erzwungen, hierauf aber die Festung dem griechischen Gouvernement übergeben.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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