Wittenberg [1]


Wittenberg [1]

Wittenberg, 1) so v.w. Kurkreis; 2) Kreis des Regierungsbezirks Merseburg in der preußischen Provinz Sachsen; 151/2 QM., 50,670 Ew.; 3) Kreisstadt darin, vormals Hauptstadt des Kurkreises, am rechten Ufer der Elbe u. Knotenpunkt der Berlin-Anhaltischen Eisenbahn, welche sich hier über Dessau nach Köthen u. über Bitterfeld nach Halle u. Leipzig verzweigt. Über die Elbe führt eine, 1847 neugebaute 888 Fuß lange, auf 11 Pfeilern ruhende steinerne Brücke u. eine Eisenbahnbrücke von 12 Bogen u. 906 Fuß Länge. W. ist Festung dritten Ranges, in Form eines länglichen Dreiecks gebaut, aber sehr unregelmäßig mit Bastionen, trockenen, nur an der Elbseite nassen Gräben, Rondelen u. Ravelins, Caponieren u. bedecktem Weg befestigt; das Schloß, welches bis 1542 Residenz des Kurfürsten von Sachsen war, bildet das Reduit od. die Citadelle u. die zwei Thürme sind zu Defensivcasernen casemattirt. Von diesen Thürmen enthielt der eine sonst das 1803 getheilte sächsische Gesammtarchiv; Erdwerke verbinden W. mit der etwa 300 Schritte entfernten Elbe. Die Elbbrücke ist durch einen doppelten, hornwerkähnlichen Brückenkopf geschützt. W. hat hohe strategische Wichtigkeit als fester Punkt an der Elbe u. als Deckung Berlins. W. ist Sitz eines Landrathsamts, Kreisgerichts, Hauptsteuer- u. Postamts, der Commandantur etc., hat 2 evangelische Kirchen (in der 1499 erbauten Schloßkirche. an welcher Luther 1517 seine 95 Thesen anschlug, sind Luther, Melanchthon, Friedrich der Weise, Johann der Beständige beigesetzt; sie hat Erzbildwerke von P. Vischer, Denkmal des Kurfürsten Johann von Hans Vischer, die Bildnisse Luthers u. Melanchthons von Cranach etc., die Stadtkirche hat Altargemälde von Cranach), Rathhaus mit Gemälden von Cranach, Predigerseminar im ehemaligen Augustinerkloster, mit welchem eine Lutherschule verbunden ist, Gymnasium, die Wohnhäuser Luthers u. Melanchthons (dem Seminar gehörig). Auf dem Markte ist seit 1821 ein Denkmal Luthers von Schadow (eine colossale Statue von Bronze); ihm gegenüber wird ein gleiches für Melanchthon von Drake errichtet. Freimaurerloge: Zum treuen Verein. W. hat Wattenfabrik, Lein- u. Wollenweberei, Färberei, Zeugdruckerei, Bierbrauerei; 11,800 Ew. Vor dem Elsterthore steht die Luthereiche an der Stelle, wo Luther 10. Dec. 1520 die Bannbulle u. die Decretalen des Canonischen Rechtes verbrannte. – W., von Melanchthon gräcisirt Leukorea (als käme es von Wite Berge, d.i. Weiße Berge) genannt, wurde wohl im 12. Jahrh. von einwandernden Niederländern an der Stelle einer ehemaligen Burgwarte erbaut. 1175 wird eines Grafen Dietrich von Witburc u. 1227 des Schlosses urkundlich gedacht. Der Askanier Albrecht I., Herzog von Sachsen, erhielt die Umgegend von W. als Sohn Heinrichs des Löwen zum Antheil u. wählte W. zur Residenz, u. sein Sohn Albrecht II. stiftete die Wittenbergsche Linie des Hauses Sachsen, welche mit Albrecht III. 1422 ausstarb (s.u. Sachsen S. 677). Friedrich der Streitbare, Markgraf zu Meißen, erhielt nun die Kur, die umliegende Gegend wurde aber als Kurkreis Pertinenzstück derselben, jedoch blieb W. nicht mehr Residenz, obgleich es bis zur Schlacht von Mühlberg 1547 den Titel einer solchen führte. Hier wurde der Wittenberger Vertrag am 25. Febr. 1423 zwischen Brandenburg u. Sachsen geschlossen, nach welchem ersteres seinen Ansprüchen auf Sachsen entsagte u. den besetzten Kurkreis sammt W. herausgab, Sachsen dagegen 10,000 Schock Böhmische Groschen zahlte. 1490–99 baute Friedrich der Weise die Schloßkirche u. 1499–1518 das Schloß neu auf. Die Universität wurde von Friedrich dem Weisen 1502 gegründet u. wurde bald welthistorisch berühmt, indem Luther von hier aus Tezels Ablaß bekämpfte, am 31. Octbr. 1517 an die Thüre der Schloßkirche die bekannten Theses anschlug u. vor dem Elsterthore die päpstliche Bulle am 10. Dec. 1520 verbrannte, u. so die Kirchenreformation von hier ausging. W. widerstand 1547 dem Herzog Moritz von Wachsen, ergab sich aber an Karl V., da dieser drohte den gefangenen Kurfürsten Johann Friedrich mit dem Tode zu strafen. Mehr hierüber u. über den Wittenberger Vertrag (Wittenberger Capitulation), wo der Kurfürst der Kur entsagte, s.u. Schmalkaldischer Bund S. 311 u. Sachsen S. 681. Stadt u. Universität blühten nun unter Kurfürst Moritz, welcher W. mit der Kur erhalten hatte, neu[302] auf u. auch im Dreißigjährigen Kriege wurde W. als Festung nicht angegriffen, die Brücke aber von den Österreichern 1633 abgebrochen. Im Siebenjährigen Kriege wurde W. von den Preußen besetzt, aber im October 1760 von den Österreichern u. der Reichsarmee belagert u. beschossen, wobei das Schloß, die Vorstädte u. ein Theil der Stadt in Flammen aufging u. W. erobert wurde. Es wurde von den Preußen später wieder besetzt u. nach dem Frieden nicht mehr als Festung betrachtet, sondern die Wälle zu Gärten etc. benutzt. 1806 ergab sich W. den Franzosen gleich bei der ersten Aufforderung. Napoleon ließ aber die Werke in einigen Vertheidigungsstand setzen, 1812 u. 1813 aber eine völlige Festung daraus machen; Lapoype wurde Commandant. Im April 1813 wurde W. von der preußischen Brigade Bülow berannt u. am 18. erfolglos beschossen. Über die Ereignisse nach dem Waffenstillstand, sowie über die Belagerung u. Erstürmung von W. am 13. Jan. 1814 durch die Brigade Dobschütz unter General Tauenzien, welcher dafür zum Grafen von W. erhoben wurde, s.u. Russisch. deutscher Krieg gegen Frankreich S. 590. Die Festung wurde nun verstärkt u. die Universität, nachdem sie im 18. Jahrh. bes. durch das Emporkommen der von Leipzig bedeutend verloren hatte (zuletzt zählte sie 300 Studenten) u. während der Belagerung 1813 u. 1814 nach Kemberg u. Schmiedeberg verlegt worden war, 1816, nachdem W. an Preußen gekommen war, nach Halle verlegt, wo sie darum den Namen der Friedrichsuniversität von Halle-W. führt. Vgl. Leopold, W. u. die umliegende Gegend, Meißen 1802; Meyner, Geschichte der Stadt W., Dessau 1845; Stier, W. im Mittelalter, Wittenb. 1855; Schadow, W-s Denkmäler der Bildnerei, Baukunst u. Malerei, ebd. 1825. 4) Colonie in der Grafschaft Perry des Staates Missouri in Nordamerika, von den Stephanisten gegründet, s. Stephan S. 773.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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