Franciscaner


Franciscaner

Franciscaner (Fratres minores, Minoriten, Seraphische Brüder), Mönchsorden, 1208 von: St. Franz von Assisi bei der Kirche U. L. F. zu den Engeln auf dem Berg Portiuncula, 1/2 Meile von Assissi, gestiftet. St. Franz gab ihnen, als sie bis auf 10 wuchsen, eigne Regeln: äußerste Armuth u. Entsagung alles weltlichen Besitzes, Sorgfalt für die Seelsorge, an jedem Tage eine Messe zu hören u. in derselben mehr den Betrachtungen als dem Gebet obzuliegen u. zu predigen; verboten wurde: Geld zu bewahren, Nonnenklöster zu betreten, Gelehrsamkeit u. Geistesbildung zu cultiviren. Da die F. selbst kein Geld nehmen sollen, so sind die Einnehmer u. Rechnungsführer meist Tertiarier. Innocenz III. bestätigte den Orden 1210 u. 1215 mündlich, Honorius III 1223 durch eine eigne Bulle als ersten der 4 großen Bettelorden (s.d.), ertheilte ihnen auch das Recht, Almosen einzusammeln, allein unter ihren Obern u. dem Papst zu stehen, reichlichen Ablaß u. manche andere Vorrechte. Der Orden wuchs schnell u. gründete in allen Theilen der Welt durch Almosen Klöster; bald wurde die Regel minder streng, namentlich das Gesetz der Armuth gegen das Testament des Stifters gedeutet u. mit Ausnahmen geschmückt, die F. nahmen Beichtvaterstellen bei Fürsten an, erlangten hohe Kirchenwürden, lagen den Wissenschaften ob, erhielten Lehrämter auf Universitäten u. geriethen mit den Dominicanern über die unbefleckte Empfängniß der Jungfrau Maria u. andere Lehrpunkte in Streit. Über mehrere Neuerungen erhoben sich heftigere Streitigkeiten, als in andern Orden, weil hier zugleich über Farbe u. Schnitt der Kleidung, Form u. Größe der Kapuze u. anderer Kleidungsstücke die Gemüther sich erhitzten u. wahres Märtyrerthum für die Ansichten nicht selten erduldet wurde. Viele Congregationen für strenge, strengere u. strengste Observanz bildeten sich in allen Ländern: Cäsariner (Cäsarianer), welche 1236 bei der Wiedererwählung des prachtliebenden Generals Elias sich unter dem Mönch Cäsarius von Speyer, welcher jenen wegen Übertretung der Ordensregeln zurechtgewiesen hatte, vom Orden absonderte u. in Einsiedeleien zerstreute, aber 1256 durch eine Ordensreform zufrieden gestellt wurden. Minoriten-Cölestiner (Arme Einsiedler Cölestiner), gestiftet 1294 von Peter von Macerata, 1307 als Ketzer von der Inquisition verdammt u. aufgehoben. Minoriten von Narbonne u. die Spiritualen, gestiftet 1308 in der Provence von den vertriebenen Minoriten-Cölestinern, Anhänger der Ansichten des Peter Jokann Olive, 1318 von der Inquisition verdammt u. aufgehoben. Minoriten-Clareniner, gest. 1392 von dem Minoriten-Cölestiner Angelo di Cordona im Anconitanischen, auch mit einer weiblichen Congregation der Clareninerinnen vermehrt, 1506 den Observanten beigetreten. Minoriten von der Congregation Philipps von Majorca, von dem Schwärmer Philipp von Majorca ersonnen, vom Papst Johann XXII. verboten. Minoriten des Johann von Vallees u. Gentile di Spoleto, gestiftet 1337 u. 1351 nach sehr strengen Grundsätzen in Italien, 1355 aufgehoben.

Im Jahre 1363 spaltete sich der Orden in zwei Hauptäste: A) Conventualen, welche den höchsten Orts genehmigten Milderungen der Regel treu blieben u. fortan eigentlich den Namen Minoriten führten; u. B) Observanten, gestiftet 1468 durch Paoletto di Foligno auf dem Berge Cesi, welche die Strenge der Urregel ansprachen, oft überboten u. den allgemeinen Namen F. erhielten. Seit 1517 lieferten die Observanten das Haupt des Ordens, den Generalminister; die Conventualen aber hatten unter diesem einen Generalmagister als Oberhaupt. Die F. erfüllten alle Welttheile mit ihren Genossen. Der von St. Franz gestiftete zweite Orden (s. Clarissinnen) u. in noch höherem Grade der dritte Orden schlangen ein wahres Zauberband um alle Völker u. Stände, noch mächtiger durch die vielen geistlichen u. weltlichen Brüderschaften u. die Anstellung der sogenannten geistlichen Freunde (Amici od. Fratres spirituales), welche alle Finanzgeschäfte des Ordens besorgten, weil der F. selbst kein Geld berühren durfte. Der Orden zählte in seinem höchsten Flor, im 18. Jahrh., über 150,000 Mitglieder in mehr als 9000 Klöstern; er ist noch mächtig in Amerika, aber in Europa auf Portugal, Spanien, Frankreich, Italien, Schweiz, Baiern, Österreich, Westfalen beschränkt. Tracht der Observanten im Allgemeinen: eine enge braune Kutte mit spitzer Kapuze daran, ein Strick als Gürtel, Sandalen, einzelne Congregationen Bärte; der Couventualen (Minoriten): gleicher Schnitt, etwas weiter, Farbe meistens schwarz, zuweilen noch grau, niemals Bärte; Schuhe. Die Observanten sind die Bewahrer des heiligen Grabes in Jerusalem. Die Observanten zerfielen im 16. u. 17. Jahrh. wieder in regulirte, strenge u. strengste; sie hatten 147 Klöster u. hießen in Frankreich Cordeliers (Strickträger), in Italien, Schweiz u. Amerika Soccolanten (Sandalenträger) od. Observantiner. Die Conventualen hatten 1789 noch in 30 Provinzen gegen 100 KLöster mit 15,000 Mönchen, jetzt findet man sie nur noch in dem südlichen Deutschland, in der Schweiz u. in Italien, wo sie längst nicht mehr Bettelmönche sind u. nicht selten dem Lehramt eifrig sich widmen. Hauptcongregationen beider Zweige: Verbesserte Conventualen, gestiftet 1562 von Anton Calascibato in Italien, 1669 den Conventualen wieder einverleibt; Minoriten des Peter von Villacrezes, von diesem gestiftet 1390 auf dem Berge Celia für strenge Beobachtung der Regel, 1517 den Observanten einverleibt; Minoriten-Colettaner, gestiftet von der Clarissin Colette von Corbie für strenge Observanz, in dem in ein Kloster verwandelten Schlosse La Beaume in Savoyen, für männliche u. weibliche Klöster (Colettaner), sehr verbreitet, 1817 den Observanten einverleibt; Minoriten Amadeisten, gestiftet von dem Spanier Amadeo im italienischen Kloster Marliano 1457, weit verbreitet, 1517 den Observanten einverleibt; Minoriten von Philipp von Berbegal (Minoriten der kleinen Kapuze, della Capucciola), u. Minoriten Neutrale[459] , jene gestiftet 1426 von Ph. von Berbegat in Aragonien, 1434 vom Papst aufgehoben; Minoriten Caperolaner, gestiftet 1475 in Italien von Peter Caperole, 1481 aufgehoben; Minoriten des Anton von Castel St. Jean, von diesem gestiftet 1475 in Toscana, bald wieder gewaltsam unterdrückt; Minoriten des Matthias von Tivoli, von diesem gestiftet 1495, bald aufgehoben u. den Conventualen einverleibt; Minoriten des Juandela Puebla, von diesem gestiftet 1489 in Spanien, 1566 den Observanten einverleibt; Minoriten der strengen Observanz in Spanien (Minoriten-Barfüßer von der Kapuze, vom heiligen Evangelio), gestiftet 1494 von Joh. von Guadelup, 1517 den Observanten eiuverleibt u. dann als Verbesserte Observanten über Spanien, Portugal, Italien, Amerika verbreitet. Minoriten der strengen Observanz in Italien (Riformati), gestiftet von den Spaniern Stephan Molina u. Martin de Guzman in Italien 1525, in sehr strenger Observanz noch heute bestehend; Minoriten der Observanz in Frankreich (Recollecten, les Recollets), 1592 gegründet durch den Herzog von Nevers mit Italienischen Riformati, bald über ganz Frankreich verbreitet, Missionen in Canada etc. bildend; 12 Provinzen u. die Custodei Lothringen wurden 1792 aufgehoben u. jetzt blühen wieder viele Klöster; Minoriten der strengsten Observanz des St. Peter von Alcantara (Alcantariner), gestiftet 1540 in Placenzia, bald auch über Italien verbreitet, durch den Beitritt der Paschasiten vermehrt, bestehen noch heute in beiden Landen; Verbesserte Minoriten des St. Paschasius (Paschasiten), gestiftet von diesem 1517 in Aquila, durch die Anhänger der Reform des Alfonso de Mazaneta vermehrt, nach dem Tode des Stifters mit den Alcantarinern sich vereinigend; Verbesserte Minoriten des Hieronymus von Lanza, von diesem gestiftet 1545, aber 1562 wieder aufgehoben. Minoriten-Kapuziner, s. Kapuziner.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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  • Franciscaner — Franciscaner, fratres minores, d.h. geringere Brüder, nach ihrem Stifter auch seraphische, von ihrer Tracht graue Brüder und Barfüßer genannt, hießen die Mitglieder des vom hl. Franz von Assissi (s. d.) gestifteten Ordens. Derselbe nahm seinen… …   Herders Conversations-Lexikon

  • Franciscaner — 1. Franciscaner – Ranziscaner. – Klosterspiegel, 44, 19. 2. Vor Franciscanern muss man nicht lateinisch reden. Frz.: Il ne faut pas parler latin devant les cordeliers. (Bohn I, 23.) …   Deutsches Sprichwörter-Lexikon

  • Franciscaner, der — Der Franciscāner, des s, plur. ut nom. sing. ein Mönch von dem Orden des heil. Franciscus von Assisi, welcher in der ersten Hälfte des 13ten Jahrhundertes gestiftet wurde, und sich, zum Theil sehr frühe, in mehrere Nebenorden theilete, von… …   Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart

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  • Franciscus Seraphicus, S. (12) — 12S. Franciscus Seraphicus, Conf. et Ord. Min. Fund. (4. Oct.) Es war im J. 1182 (nicht 1181, wie Einige sagen), daß Pica, die Frau des reichen Kaufmannes Petrus Bernadone46 zu Assisi in Umbrien, unter mancherlei wunderbaren Umständen ein… …   Vollständiges Heiligen-Lexikon

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