Sarmatĭa


Sarmatĭa

Sarmatĭa, bei den alten Geographen der östliche Theil des nördlichen Europa u. der westliche des nördlichen Asien, das alte Scythenland, welches durch den Tanais in das Europäische u. Asiatische S. getrennt wurde; die Bewohner, Sarmătā od. Sauromătä, zerfielen in viele einzelne Völkerschaften von verschiedenen Stämmen. A) Europäisches S., das Land, welches in S. durch den Danubius (Ister) von Mösien, durch den Hierasos, Tyras u. das Gebirg Karpates von Dacien, im Westen durch die Vistula u. die Sarmatici montes von Germanien, im Osten durch den Tanais von dem Asiatischen S. getrennt wurde u. im Norden an das Sarmatische Meer (die j. Ostsee) u. unbekanntes Land grenzte, also das heutige Europäische Rußland, Nordgalizien, Polen u. Preußen jenseit der Weichsel. Das Sarmatische Gebirge, welches nächst den Alpen für das höchste in Europa galt, war die nördliche Fortsetzung der Karpates, außerdem die Amadokoi, Peuke, Budinon, Alaunon, die Venedischen Berge u. die Rhipäen, an der Südküste mit den Vorgebirgen Agaron, Myrmekion, Kriumetopon, Parthenion, Mysaris u.a.; Flüsse: der Tanais u. viele kleine Küstenflüsse, wie Lykos, Agaros. Gerrhos, Bykes etc., welche in die Palus Mäotica mündeten, der Borysthenes, Hypanis, Tyras, Hierasos (Poras) u. viele Küstenflüsse, welche in das Schwarze Meer mündeten; in das Sarmatische Meer ergoß sich der Chronos, Rhubon u. Chesinos etc. Von Seen werden der Byke u. Amadoke genannt. Das Land war seines größtentheils rauhen u. winterlichen Klimas wegen fast baumlos u. nicht zum Ackerbau geeignet, aber doch von vielen Stämmen bewohnt, so von Taurern, Venedern, Peukinern, Bastarnern, Jazygen u. Roxolanern, Alaunen, Agathyrsern u. einer Menge kleiner Völker, wie die Chuner, Aorsen, Karpianer u.a., welche im Süden auch Städte hatten, wie Taphros, Chersonesos, Theodosia, Pantikapäon, Odessos, Olbia etc. B) Das Asiatische S., im Westen durch den Tanais von Europäischen S. geschieden, im Süden von dem Schwarzen Meere bis zum Korax u. dann von dem Kaukasus begrenzt, welcher letztere es von Iberien (wohin der einzige Zugang aus S. durch den Kaukasus, die Sarmatĭcae portae, j. die Pforten von Derbend, führte), Kolchis u. Albanien trennte, im Osten bis ans Kaspische Meer u. die Rha reichend u. im Norden an unbekannte Länder grenzend, also das j. Land der Tscherkessen, die Kabarda, Norddaghestan, Lesghistan, Kaukasien, das Land zwischen Don u. Wolga, die westlichen Theile von Astrachan u. Kasan. Gebirge: die Hippischen, Koraxischen, Keraunischen; Flüsse: außer den Grenzflüssen Tanais u. Rha gingen zum Schwarzen Meer Abaskos, Borgys, Nesis, Masaïtike; zur Palus Mäotis der Antikites (Attikitos), Rhombites, Theophanios, Marabios; zum Kaspischen See: Alonta u. Udon. Völkerschaften: Zicher, Sinder, Kerketen, Marder, Achäer, Bosporaner, Pfeffer, Sirakener, Jaxamaten, Serben, Valen, Suarner, Skymniten, Melanchlänen, Phthirophagen, Perierbiden, Zakaten, Aorsen, Hippophagen, Modaken u.v.a. Wichtige Städte waren Pityus, Sinda, Phanagoria, Tanais, Uspe.

Herodot leitet den Ursprung der Sarmaten von Amazonen her, welche nach einem am Thermodon verlorenen Treffen bei den Scythen an der Palus Mäotis landeten, sich mit scythischen Männern verheiratheten, über den Tanais wanderten u. dort ein eigenes Völk bildeten. Die Sarmaten waren blond u. schoren Bart- u. Haupthaar nicht; die Männer tättowirten sich; sie trugen weite Hofen u. Pelzkleider, lebten auf Pferden u. von Ochsen gezogenen Wagen; ihre militärische Stärke beruhte auf ihrer Reiterei; sie hatten zuweilen zwei Pferde zum Wechsel, als Waffen Schwerter u. lange Lanzen mit beinernen Spitzen, Bogen u. [932] Pfeile; ihre Häuptlinge waren mit Panzern bedeckt, welche aus Leder od. Eisenblech waren. Die Sarmaten waren meist Nomaden, hattenviel Pferde, deren Fleisch sie aßen u. ihren Göttern opferten; auch Ackerbau trieben sie; ihre Hauptnahrung war Hirse u. Mehl mit Pferdemilch u. Pferdeblut. Bei ihnen waren auch die Frauen kriegerisch u. zogen mit in den Krieg. Ihre Verfassung war eine sehr freie; meist stand ein Häuptling an der Spitze eines Lagers. Wie schon die Ethnographie, so ist auch die Geschichte der Sarmaten vielfach mit der der Scythen (s.d.) gemischt, namentlich nennen die Römer gewöhnlich jene rohen Nomadenvölker in ihrer östlichen u. nordöstlichen Nachbarschaft Sarmaten, die Griechen aber Scythen. Mit ihren Nachbarn im Osten hatten sie früher Kriege gehabt; seit der Zeit des Augustus schweiften sie bis an die Donaumündungen; 120 n. Chr. fielen die Roxolaner in Mösien ein, wurden aber zurückgeschlagen u. später von den Gothen unterworfen. Der andere Hauptstamm der Sarmaten, die Jazygen, breitete sich im 1. Jahrh. n. Chr. zwischen der Donau u. Theiß aus, machten dort 70 n. Chr. Einfälle in Pannonien u. betheiligten sich mit den Quaden an dem Markomannischen Kriege; nach dem Wegzuge der Vandalen aus der Theißgegend besetzten sie das dortige Land zwischen Quaden, Westgothen u. Thaifalen. Im 4. Jahrh. mit den Gothen in Krieg verwickelt, bewaffneten die Sarmaten 334 ihre Sklaven u. siegten durch sie; darauf empörten sich die Sklaven u. machten sich frei; diese sind die nachmals als Limiganten berüchtigten Feinde der Römer. 300,000 Sarmaten verließen hierauf das Land u. erhielten von Constantin dem Großen Sitze in Pannonien, Thracien, Macedonien u. Italien. Gegen die Limiganten führte Constantius, unterstützt von den Gothen u. den ausgewanderten Sarmaten, 358 Krieg (Sarmatischer Krieg), schlug sie gänzlich, gab den Sarmaten ihr Land zurück u. den Zizays als König. Nach dem Anfang des 6. Jahrh. verschwinden die Sarmaten unter den Avaren. Die späteren kumanischen Jazygen haben mit den sarmatischen nichts gemein; wenn die Polen zuweilen Sarmaten genannt werden, so geschieht es nicht, weil die Polen von den Sarmaten abstammen, sondern blos, weil Sarmaten einst in einem Theile Polens gewohnt haben.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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