Schnee [1]


Schnee [1]

Schnee, Niederschlag der atmosphärischen Wasserdünste in Krystallform, bei einer Temperatur nahe an od. unter dem Eispunkt. Je niedriger die Lufttemperatur wird, desto kleiner wird die in der Luft enthaltene Dunstmenge; daher nimmt unter sonst gleichen Umständen die Menge von S., welche in einer gegebenen Zeit fällt, mit der Temperatur[343] ab, so daß bei 20° kaum noch so viel S. fallen dürfte, um die Erde bis auf 1–2 Zoll zu bedecken. Der S. fällt in mehr od. weniger zusammengesetzten Krystallen herab, Flocken, Sterne, Körner etc. Je gelinder die Temperatur, desto größer die Flocken, welche dann aus mehren zusammengeballten einfachen Flocken bestehen; je kälter dagegen die Luft, desto kleiner u. einfacher werden die Schneekrystalle. Verschiedenheiten der Temperatur, Feuchtigkeit, Bewegung der Luft u.a. Umstände haben auf die Gestaltung der Wasserkrystalle großen Einfluß, obgleich sich die Grundgesetze der Krystallisirung des Wassers unter allen diesen Umständen wiederholen. Nach Scoresby kann man die große Anzahl der Schneefiguren auf fünf Hauptarten zurückführen: a) dünne Blättchen, bes. als sternförmige, sechsstrahlige Figuren (sehr häufig, wenn die Temperatur sich dem Eispunkte nähert), u. als regelmäßige Sechsecke (sowohl bei mäßiger Temperatur, als bei der größten Kälte vorkommend); letztere sind entweder einfache Blättchen, od. innerhalb des Umfanges durch weiße Linien verziert, welche wieder kleinere Sechsecke u. ähnliche Figuren bilden. Die Größe derselben steigt bis zu 1/10, Zoll im Durchmesser. Dergleichen sechsseitige Figuren setzen sich oft in unendlicher Mannigfaltigkeit zusammen, namentlich bei großer Kälte, u. verbinden sich auch oft mit Strahlen, Zacken u. hervorstehenden Winkeln. b) Ein flacher od. kugeliger Kern mit ästigen Zacken in verschiedenen Ebenen; hierher gehören bes. die Schneebildungen, welche aus einem dünnen Krystalle von einer der vorhin beschriebenen Arten bestehen, von dessen Grund- u. Seitenflächen sich unter einem Winkel von 60° Spitzen erheben, sie sind oft 1/4 Zoll groß; ferner Figuren mit kugeligem weißem Kern, von welchem Strahlen nach allen Richtungen ausgehen. c) Feine Spitzen od. drei- u. sechsseitige Prismen, zart u. krystallinisch od. weiß u. rauh. Selten sind d) sechsseitige Pyramiden u. e) Spieße od. Prismen, deren eines od. beide Enden in der Mitte eines dünnen Blättchens aus einem sechsseitigen Krystall od. Sterne bestanden. Die Zahl der einzelnen Species beläuft sich nach Scoresby etwa auf 100, außerdem hat Kämtz noch gegen 50 Gestalten gesehen, ungerechnet diejenigen, bei welchen die Krystallisation in Ebenen erfolgt, welche auf der gewöhnlichen senkrecht stehen, so daß wohl die Zahl aller wirklichen Schneeformationen mehre Sunderte beträgt. Sollen diese Gestalten rein u. schön erscheinen, so ist ein windstilles Wetter ohne Nebel erforderlich. Bei Nebel sind die Krystalle meist rauh, trüb u. sehen aus, als ob Bläschen auf ihrer Oberfläche erstarrt wären, ohne daß die kleinsten Theile Zeit gehabt hätten sich nach den Gesetzen der Krystallisation zu ordnen; bei windigem Wetter sind die Krystalle häufig zerbrochen u. unregelmäßig u. kommen als kleine Kugeln od. unregelmäßige Pyramiden herab. Bei kaltem, aber heiterem Wetter flimmern oft eine Menge glänzender Körperchen in der Luft, welche man gleichfalls zum S. rechnen muß; sie brechen das auffallende Sonnenlicht, zuweilen sogar, wenn die Sonne tief genug steht, farbig, so daß zu beiden Seiten der Sonne farbige Bogensegmente erscheinen, vgl. Hof. Diese Schneetheilchen werden in den unteren Schichten der Atmosphäre durch die vom Boden aufsteigenden Dämpfe gebildet u. fallen oft in ziemlicher Menge. In Lappland nennt man diese Art wohl auch Staubschnee. Zu Anfang eines großen Schneefalls od. Schneegestöhens zeigt das Luft gewöhnlich viel Elektricität, welche sich aber meist während des Schneefalls verliert. Hiermit hängt auch das Leuchten des herabfallenden S-s (Schneeleuchten), wenn starke Elektricität in der Luft sich befindet, zusammen. Die Farbe des S-s ist blendend weiß, aber nur, wenn er in einiger Masse liegt, so daß das Licht nicht durchfallen kann. Denn der S. reflectirt das Licht vollständig u. unzerlegt u. erscheint daher als weiße Schneefarbe. Hat der S. eine andere Farbe, so hängt diese von zufälligen Beimischungen od. Aufwürfen, z.B. von Staub aus verschiedenen Erdarten od. von beigemischten Insecten, ab, so fand man im Jan. 1855 zwischen Laufen u. Mohlen in Baselland, in Graubündten u. im Jura schwarzen S.; die Farbe rührte von schwärzlichen, zur Familie der Produreen od. Springschwänze gehörenden Insecten von der Größe der Pulverkörner her; sie waren nach 24 Stunden verschwunden; vgl. Meteorstaub. Einige Jahre früher kam dieselbe Erscheinung auch im Engadin vor, Rother S. (Blutschnee), s.u. Blutwunder u. Protococcus nivalis; Grüner S., s. ebd. Der S. verdünstet ebenso wie das Wasser u. Eis; frisch gefallener S. läßt auch von Anfang her die Luft entweichen u. nimmt dann ein kleineres Volumen ein. Über das Verhältniß des Volumens des S-s zu dem einer gleichen Gewichtsmenge Wasser sind vielfältige, zu sehr verschiedenen Resultaten führende Versuche angestellt worden. Man hat für das Minimum der Dichtigkeit des S-s dieses Volumenverhältniß wie 19: 1, für das Maximum wie 5: 1, also durchschnittlich wie 10: 1 gefunden. Der S. fällt um so häufiger, je mehr ein Land sich den Polen nähert, u. je mehr Feuchtigkeit dabei der Atmosphäre des Ortes zugeführt wird; so hat namentlich Norwegen viel S., u. derselbe erreichte im Winter 1896 bis 1807 nach L. von Buch's Beobachtung in Gebostad die Höhe von 20 Fuß. In Lappland fand man Baumzweige von zwei Linien Dicke mit einer Schneeschicht von 9 Zoll Dicke bedeckt. In den Polarländern bleibt der S. das Jahr über 6 Monate, in Mitteleuropa 1–3 Monate liegen, in Süditalien fällt fast nie S. Auf sehr hoben Gebirgen jedoch schmilzt der S. auch in den Tropenländern nicht, u. man bezeichnet als Schneelinie (s.d.) od. Schneegrenze die Höhe, über welcher hinaus die Wärme der Sommermonate nicht ausreicht, um allen während des Winters gefallenen S. zu schmelzen. Der S. hat als schlechter Wärmeleiter in der Ökonomie der Natur den großen Nutzen die Vegetation vor dem Einfluß der Kälte zu bewahren u. zugleich auch die Erde im Frühjahr mit der zum neuen Wachsthum der Pflanzen nöthigen Feuchtigkeit zu versehen. Außerdem erleichtert er den Transport u. dient in beißen Gegenden als Erfrischungs-, zuweilen auch als Heilmittel. Auf den Zweigen, bes. von Laubholz aufgehäuft (Schneeanhang), wirkt der S. oft sehr nachtheilig, indem diese Zweige oft brechen, bes. in Holzsaaten. Man beugt diesem dadurch vor, daß man den S. durch eine 8–10 Fuß lange Stange von den Zweigen abstoßen läßt.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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