Naturgeschichte


Naturgeschichte

Naturgeschichte (Naturhistorie), 1) der einfache Bericht von dem, was in der Natur Bemerkenswerthes vorging u. noch vorgeht, od. die Wissenschaft von Naturvorgängen, Naturerzeugnissen u. Naturformen; 2) Geschichte der Natur, wissenschaftlich u. chronologisch geordnete Zusammenstellung unserer Kenntnisse von frühern u. spätern allgemeinen Veränderungen in dem großen Naturorganismus; vgl. Bronn, Handbuch einer Geschichte der Natur, Stuttgart 1841–43, 2 Bde. Gewöhnlich wird aber N. nur als 3) der Theil der Naturwissenschaften betrachtet, welcher es mit der Beschreibung der Naturproducte, d.h. der Erzeugnisse der Natur auf u. in der Erde zu thun hat, zugleich aber auch lehrt, diese in eine systematische Ordnung zu bringen. In der N. theilt man die Naturproducte in folgende drei Naturreiche: Thier-, Pflanzen- u. Mineralreich, u. hiernach zerfällt sie in die Zoologie od. die Lehre vom Thierreiche, Botanik (Phytologie) od. die Lehre vom Pflanzenreiche, u. Mineralogie od. die Lehre von den Mineralien. Die logische Zusammenstellung der Naturproducte in Gruppen nach ihrer Ähnlichkeit u. nach einem gewissen wissenschaftl. Eintheilungsgrunde (Princip) nennt man ein System; ein natürliches System wird es aber genannt, wenn man bei der Gruppirung auf alle Hauptmerkmale, sowohl die inneren, als die äußeren, Rücksicht nimmt u. dabei zugleich eine gewisse Stufenfolge von den niederen zu den höheren Naturproducten od. umgekehrt befolgt. Ein künstliches nennt man es dagegen, wenn man sie nur nach der Ähnlichkeit eines od. weniger äußerer Merkmale, z.B. die Thiere nach den Freß- u. Bewegungswerkzeugen, die Pflanzen nach den Befruchtungswerkzeugen, die Mineralien nach den Krystallformen od. chemischen Bestandtheilen zusammenstellt. Die letztere Art von Systemen hat nur den Zweck, als ein Register zum leichten Auffinden der Naturproducte zu dienen; das natürliche System hat zwar denselben Zweck, aber zugleich auch den höheren, die fortschreitende Bildung u. den inneren Zusammenhang der Naturkörper in der Natur nachzuweisen, so daß man dadurch die ganze Natur als ein in sich gegliedertes, aber innig verbundenes Ganze betrachten lernt, das aus einer Menge verschiedener Individuen besteht, von denen zwar jedes in sich abgeschlossen, aber seiner Entwickelungsstufe nach doch nur als eine Annäherung an das höchste Ideal der Schöpfung zu betrachten ist. Dieses höchste Ideal, dieses vollendete irdische Geschöpf ist aber der Mensch. Eigentlich aber ist die Aufstellung eines vollendeten Natursystems nur noch ein in das Auge gefaßtes Endziel, indem die Naturkunde immer noch nicht so weit vorgerückt ist, daß man in Besitz aller der Kriterien wäre, die hierzu nothwendig sind, auch wohl von den Naturformen, welche, unter andern Verhältnissen als die gegenwärtig bekannten, wohl auch zur Erscheinung hätten gelangen können, vielleicht auch (in einer Urwelt) zur Erscheinung gekommen sind, die aber durchaus nirgends vorkommen, mehre zur Ergänzung eines nirgends eine Lücke od. einen Sprung darbietenden Natursystems dienen möchten. Die frühern Versuche solcher Natursysteme mußten also um so roher sein, je weniger noch die N. überhaupt Fortschritte gemacht hatte, u. spätere konnten jenem Ziele sich nur in dem Maße nähern, als die Kenntniß einzelner Naturkörper eine verbreitetere wurde. Jede Verfahrungsart hat ihre Vorzüge u. ihre Nachtheile; erstere löst nicht Natureinheiten, welche offenbar aus höheren Naturgesetzen hervorgingen; nach ihr lassen sich treu Naturgemälde darstellen, in denen die Fülle u. der Reichthum, welchen die unendliche Natur auch auf unendliche Art darbietet, nicht übersehen wird, wie es wohl dann geschieht, wenn das Bemühen des Naturforschers blos darauf gerichtet ist, ein Erkennungs- u. Unterscheidungszeichen von, an sich häufig nur geringer Erheblichkeit festzuhalten, um einen leitenden Faden für die Einfügung einzelner Naturwesen in das System der Fall ist. Für ein künstliches Natursystem hat Linné die Hauptbahn gebrochen, für die Aufstellung eines natürlichen haben mehrere neuere Naturforscher gewirkt; in der Zoologie z.B. Cuvier, in der Botanik Bernard de Jussieu, Achill Richard, G. C. Batsch, De Candolle, Oken, Reichenbach, Endlicher u. Unger u. m. A.; in der Mineralogie endlich Mohs, Haidinger, Breithaupt, Weiß etc. Hauptschriften über die gesammte N. lieferten in älterer Zeit Plinius (obgleich dessen Historia naturalis nur dem Namen nach eine N. ist), in neuerer Liuné, Buffon, Erxleben, Blumenbach, Cuvier, Jussieu, Batsch, Oken, Reichenbach, Schubert (s.d. a.) u.a. Das umfassendste Werk ist: Dictionnaire des sciences naturelles, mit Atlas, Par. 1804 ff. Seit 1823 erschien auch zu Weimar ein Wörterbuch der N. mit Atlas in gr. 4., welches jedoch mit dem 11. Bande 1838 ins Stocken gekommen ist; andere Werke s. unt. den speciellen Fächern, wie Zoologie, Botanik, Mineralogie, od. unter den noch speciellern, wie Mammaliologie, Ornithologie, Amphibiologie, Ichthyologie, Entomologie, Helminthologie, Conchyliologie etc.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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