Stückgießerei


Stückgießerei

Stückgießerei, Anstalt, worin Kanonen u. andere grobe Geschützstücke gegossen werden. Die Arbeiten zur Herstellung eines Geschützrohrs sind das Formen, das Gießen, das Bohren, das Abdrehen u. die sonstige Zurüstung, bei gezogenen Geschützen das Einschneiden der Züge. A) Formen: Nachher bei jeder Armee vorhandenen Vorschrift entwirft man eine Form. Man formt entweder in Sand od. Lehm. Der mit Thonwasser befeuchtete gereinigte Quarzsand wird in einem Kasten von der Länge des zu gießenden Stückes (Formkasten) um ein Modell aus Kupfer- od. Messingblech festgestampft; die Form für jedes Stück besteht aus zwei Theilen, das Stück seiner Länge nach durchschnitten gedacht, diese beiden Theile werden nach Entfernung der Metallmodelle genau zusammengepaßt u. fest mit einander verbunden. Die Form wird nun gebrannt bis der eiserne Formkasten rothglühend ist, erkaltet wird sie mit Kohlenpulver ausgegossen u. ist nun zum Guß fertig. Beim Formen in Lehm muß man für jedes Geschütz ein besonderes Modell, die Gestalt genannt, formen. Es wird über einer hölzernen od. eisernen Stange die Formspindel, welche auf zwei Zapfen ruhend, um ihre Achse gedreht werden kann u. länger als das zu bildende Rohr ist, gebildet, indem man sie mit Strohseilen u. Stricken fest umwindet u. dann so lange mit seinem, mit Kuhhaaren versetzten Formlehm in ganz dünnen Schichten überzieht, bis man die äußere Gestalt erreicht hat; zuletzt wirb die Form noch durch ein Model- (Form-)bret, in welches die äußere Form des Kanonenrohrs eingeschnitten ist, abgedreht; die Delphinen, wenn das Geschütz deren hat, werden in diesem Falle von Wachs, die Schildzapfen von Holz od. Gyps aufgesetzt u. mit hölzernen Nägeln befestigt. Der Boden (die Traube) wird besonders geformt u. an dieselbe ein starker Zapfen angeformt, welcher beim Einspannen des Rohrs in die Bohrmaschine gebraucht wird. Nachdem die Gestalt durch Bestreichen mit Kohlenstaub geschlichtet ist, wird sie gebrannt. Über diese Gestalt wird durch Auftragen von Zier- u. Formlehm mittelst des Dammholzes die eigentliche Form (der Mantel) gebildet. Die Form wird gut getrocknet, mit eisernen Reisen umgeben u. nun die Gestalt entfernt, indem man zuerst die Formspindel herauszieht u. dann die übrigen Theile beseitigt. B) Gießen: Dieser Mantel wird nun senkrecht in die im Gießhause vor dem Ofen befindliche Dammgrube gesetzt, mit Erde umgeben u. das flüssige Metall (Stückgut) aus dem Gießofen (Reverberirofen) durch Rinnen von Ziegelstein u. Lehm ihm zugeführt. Der Gießofen ist ein großer, viereckiger Ofen, von Backsteinen gewölbt, dessen Boden od. Herd von Erde gestampft u. etwas schräg ist; vorn ist das Gießloch, durch welches das Geschmolzene abfließt, an den Seiten sind zwei eiserne Schiebethüren zum Einbringen des Metalls u. Abziehen der Schlacken, oben sind Zuglöcher od. Windpfeifen; an der hintern Stile ist ein Thurm od. Schornstein, in welchem das Feuer mit Holz u. Kohlen unterhalten wird; die Gluth schlägt durch eine Öffnung der Zwischenmauer auf das zu schmelzende Metall. Ein solcher Ofen faßt 25–50,000 Pfund Metall. Ist eine Form gefüllt, so wird die dazu führende Rinne abgesperrt u. die Form mit glühenden Kohlen bedeckt, um schnelles Erkalten zu verhindern. Nach einigen Tagen werden die Formen aus der Dammgrube gehoben u. die Mäntel beseitigt. Da die Gestalt länger als das eigentliche Rohr war, so hat nun auch letzteres einen obern Ansatz. C) Bohren: Dieser Ansatz (der verlorne Kopf) wird nun beseitigt, u. das Rohr mit Meisel u. Feile beputzt u. nun mittelst Bohrmaschinen, welche durch Wasser, Pferde, Menschen, od. Dampf getrieben werden, gebohrt. Die Bohrmaschinen heißen horizontale, wenn der Bohrer wagerecht liegt, u. verticale, wenn er aufrecht steht. Dies Bohren selbst geschieht entweder so, daß das Rohr in einer Bohrlade fest liegt u. der Bohrer sich in demselben dreht, od. umgekehrt, od., wie in Dresden, daß beides, Geschütz u. Bohrer, sich nach, entgegengesetzten Seiten drehen. Das Bohren wird bewirkt mit dem Bohrkolben, einem kupfernen Cylinder, auf welchen vierseitige Stücken Stahl aufgeschoben werden, welche das Ausbohren des Rohrs verrichten; der Cylinder ist massiv u. auf einer eisernen Stange befestigt, welche auf einem Kreuze steht u. von Menschen, Pferden od. Wasser herumgedreht wird. Meist werden drei Bohrer, der Massivbohrer (aus dem Groben), der Kaliberbohrer u. der Schlichtbohrer angewendet. Bei anderen Verfahren folgen 5–6 Bohrer von immer zunehmendem Durchmesser auf einander, u. der Kaliberbohrer, mit welchem die letzten Unebenheiten der Seele ausgeglichen werden, macht den Beschluß. Bei neueren Bohrmaschinen bohrt man dagegen nur mit einem Bohrer im Groben u. ebnet mit dem Kaliberbohrer. Elias Flieker, in der Mitte des 14. Jahrh., soll der erste Bohrmeister in Augsburg gewesen sein; Keller in Kassel erfand um 1720 das Bohren der vollen gegossenen Kanonen u. der Genfer Moritz (1739), der General Montalembert um 1752 u. in neuerer Zeit v. Forstner, Chaillot u, Graf Rumford verbesserten das bisherige Verfahren. Durch Einführung der Kanonen von Gußstahl hat die alte S. wesentliche Änderungen erlitten. Die Blöcke zu diesen Geschützen fertigt bis jetzt allein die Fabrik von Crupp in Essen, welcher sie an die königlichen Geschützgießereien liefert, wo sie weiter bearbeitet werden. Die Erfindung der Gezogenen Geschütze macht noch D) das Einschneiden der Züge in die gebohrten Röhren nöthig, was durch besondere, durch Dampfkraft getriebene Maschinen geschieht. Nach neuester Erfindung des nordamerikanischen Marinelieutenants Rodman bildet man die Gestalt des Rohrs aus einer starken kupfernen Röhre, durch welche man während des Gusses des gußeisernen Geschützes fortwährend schnell eiskaltes Wasser laufen läßt. Durch die schnelle Abkühlung der Seele krystallisirt die Eisenmasse sehr kleinkörnig u. hart u. bekommen die Geschütze eine unglaubliche Festigkeit.[2] Ehemals goß man die Kanonen auch hohl (über den Kern), u. dann mußte beim Guß eine Kernstange in der Kanonenform befestigt u. das Metall an der Seite in die Form geleitet werden. Aber fetten wird dadurch die Seele so glatt u. gerade, daß nicht noch ein Bohren Statt finden müßte; es hat zugleich aber auch den Fehler, daß das Metall sich nicht so dicht zusammensetzt u. daher das Stück nicht so fest ist; daher geschieht das Bohren jetzt stets aus dem Vollen, u. nur Mörser u. große Haubitzen werden über den Kern gegossen. Die Stückgießer, welche diese Arbeiten besorgen, gehören zu den Rothgießern, u. der Meister heißt Gießmeister. Doch steht die ganze S. unter der Leitung u. Aufsicht eines obern Artillerieoffiziers.

Nach dem Guß werden die Geschütze untersucht, um sich von der Genauigkeit ihrer Verfertigung u. von der gehörigen Stärke u. Güte des Metalls zu überzeugen. Letzteres geschieht durch das Probiren (s.d.). Zur vorläufigen Untersuchung der Masse u. äußeren Beschaffenheit des Gusses, so wie der richtigen Bohrung dienen besondere Instrumente. Diese sind: a) das Modellbret (Gubarit), s.d.; b) ein metallenes Richtscheit mit einem angegossenen, viereckigen Ringe; c) eine genau darauf passende Lehre. Über die horizontale Stellung derselben in Rücksicht der Seitenachse entscheidet d) das doppelte Winkelmaß mit dem Bleiloth, in Verbindung mit dem hölzernen Kreuze, welches mit seinen Armen wagerecht gestellt an einem Zapfen des in die Mündung des Rohrs geschobenen hölzernen Cylinders befestigt wird. In gleicher Absicht besteht e) das Parallellineal aus einer hölzernen Stange mit in die Seele Passendem Cylinder, welche, mit weichem Thon überzogen, die vorhandenen Bohrreifen od. Gruben anzeigen, u. mit einem beweglichen Arme, an welchem sich in Lineal verschieben läßt, um vermittelst zweier, ebenfalls zum Verschieben eingerichteter Spitzen die Metallstärke u. die Höhe der Vorsprünge messen zu können. Zur inneren Untersuchung des Rohrs dient f) der Stückvisitirer (Chat), mit vier an den Spitzen umgebogenen Federn, welche in den Ritzen od. Vertiefungen der Seele hängen bleiben; bes. aber in der verbesserten Einrichtung desselben, welche unter dem Namen Etoile mobile bei der französischen Artillerie gebraucht wird. Er besteht aus einer Röhre von Messingblech, worin sich eine Stange hin u. her bewegt, um durch den schrägen, an derselben befindlichen Arm die vierte Spitze am unteren Theile des Rohrs (3 sind festgeschraubt) herausdrücken u. dadurch die Tiefe der im Innern der Kanone vorhandenen Grube bestimmen zu können. Mit g) der Hakennadel, einer unten etwas umgebogenen Raumnadel, wird zuletzt die Beschaffenheit des Zündloches untersucht. Leichter ist die Untersuchung der Haubitze, wegen der größern Weite ihres Rohrs; am leichtesten die der Mörser, wo das Messen u. alle Bestimmungen ungehindert geschehen können.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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