Stoffwechsel


Stoffwechsel

Stoffwechsel, ununterbrochener Wechsel der Materien organischer Körper, bestehend in einem steten Verjüngen u. Absterben (Mausern) der organischen Substanzen, welcher die Lebenserscheinungen bedingt u. unter ganz bestimmten Bedingungen (Lebensbedingungen) zu Stande kommt. Diese sind passende Nahrungsstoffe für den Verdauungsapparat, d.h. solche Substanzen, welche Bestandtheile des Körpers bilden, wie Wasser, Eiweißstoffe, Fette, Kochsalz, Eisen etc. Diese Nahrungsstoffe werden durch den Verdauungsproceß zum Übergang ins Blut vorbereitet u. zu Speisesaft umgebildet, u. zwar geschieht dieser Übergang aus dem Verdauungsapparat durch Saugadern, Lymphdrüsen u. den Milchbrustgang in das Blut der oberen Hohlader; hier muß der Speisesaft zu Blut verarbeitet werden mit Hülfe des Sauerstoffes, welcher auf dem Wege der Athmung von den Lungen aus in das Blut des kleinen Kreislaufs tritt u. dieses aus dunklem in hellrothes verwandelt. Auf dem Wege des Blutes (Kreislauf) durch den Körper, vom Herzen aus durch die Pulsadern zu den Haargefäßchen der Organe u. aus diesen durch die Blutadern zum Herzen u. der Lunge zurück, tritt durch die Haargefäßwände in das Gewebe der Organe Ernährungsflüssigkeit aus dem Blute aus, welche sich im normalen Zustande zu Gewebe selbst umbildet u. wobei der nicht zu verwendende Überschuß von Ernährungsflüssigkeit als Lymphe von den Saugadern wieder ins Blut zurückgeführt wird. Von diesen Processen ist die Neubildung der Körperbestandtheile abhängig. Gleichen Schritt mit ihr geht die Mauserung des Körpers, bestehend in Auflösung der älteren Gewebebestandtheile in Folge des Thätigseins der Gewebe, Eintritt der verflüssigten Gewebeschlacken in das Blut, u. zwar durch die Gefäßwände hindurch, ferner Verbrennung dieser Schlacken innerhalb des Blutes durch den Sauerstoff desselben, u. zwar zu den sogenannten Auswurfsstoffen u. schließlich zu Kohlensäure, Wasser u. Harnstoff, Fortschaffung derselben durch den Blutstrom zu den Ausscheidungsorganen u. Ausscheidung durch die Lungen (Kohlensäure u. Wasser), Nieren (Harn), Leber (Galle) u. Haut (Schweiß). Beide Processe des S-s, Neubildung u. Mauserung, gehen fortwährend u. gleichzeitig vor sich. Wo Ernährungsflüssigkeit aus dem Blute heraus in die Gewebe tritt, treten aus diesen die verflüssigten Gewebeschlacken in das Blut hinein (Endosmose). Mit Hülfe des eingeathmeten Sauerstoffs verbrennt im Blute gleichzeitig das neue Material (Speisesaft), um der Neubildung zu dienen, sowie auch das alte Material (Mauserschlacken), um ausgeschieden werden zu können. Die bei dieser Verbrennung sich entwickelnde Wärme ist die sogenannte Eigenwärme des Körpers. Der richtige Fortgang des S-s ist Gesundheit, Störungen im S. bedingen Krankheit, u. Heilung derselben muß dahin streben, den in Unordnung gerathenen S. wieder in Ordnung zu bringen. Die Störungen im S. können bedingt sein in Mangel passender Nahrungsmittel (so werden die Knochen brüchig werden, wenn die Ernährungsflüssigkeit keine Kalksalze[862] enthielt) od. in veränderter Durchgängigkeit der Haargefäße. Werden die Wände derselben dicker od. dünner, so muß auch das aus dem Blut Herausdringende von anderer Beschaffenheit sein u. zieht oft krankhafte Veränderung des Organs od. auch Bildung eines neuen Gewebes (Aftergebild, Geschwülste, Krebs) nach sich. Dieses falsche Ernährungsmaterial (Ausschwitzung, Exsudat) ist als die Ursache der meisten örtlichen krankhaften Veränderungen der Gewebe anzusehen. Die am häufigsten bei widernatürlicher Erweiterung u. Anfüllung der Haargefäße mit Blut geschehende Ausschwitzung nennt man Entzündung. Ist das Blut nicht in gehöriger Menge vorhanden od. nicht von gehöriger Beschaffenheit, so muß der S. leiden, u. dies läßt sich nur durch fortwährende Neubildung (Verjüngung) u. Reinigung (Mauserung) des Blutes erzielen; jene hängt von der Zufuhr u. Verarbeitung der Nahrungsmittel u. der Zufuhr von Sauerstoff ab, diese kann nur durch Bewegung, gehörige Athmung, Bäder, Waschungen etc. unterstützt werden. Wird nun aber das qualitativ u. quantitativ normale Blut nicht ordentlich, entweder zu schnell od. zu langsam, zu reichlich od. zu spärlich dem Gewebe zugeführt, so muß der S. in Störung gerathen; hört der Zufluß des Blutes zu einem Organe ganz auf, od. häuft es sich so an, daß der Blutlauf stockt, so muß der S. still stehen, das Organ wird absterben (Fäulniß, Verwesung, Brand). Das Organ selbst muß zu seiner Neubildung u. Mauserung gehörig geeignet sein, u. zwar kann ihm das nur bei einem zweckmäßigen Wechsel von Ruhe u. Thätigkeit gelingen, indem während der Ruhe die Neubildung u. bei der Thätigkeit die Mauserung begünstigt wird. Eine andere Art von Störungen des S-s könnte dadurch bedingt werden, daß die überflüssigen Materien die vom Gewebe nicht verarbeiteten Nahrungsstoffe (Lymphe) u. die abgestorbenen, verflüssigten Gewebebestandtheile (Mauserstoffe, Gewebeschlacken) nicht gehörig, jene ins Blut, diese aus dem Körper hinaus befördert würden. Durch Einwirkung auf den S. Krankheiten zu beseitigen, ist Aufgabe der sogenannten Stoffwechselcuren; sie wurden schon seit den ältesten Zeiten unbewußt in Anwendung gebracht u. führten nur andere Namen wie die alterirende, resolvirende, Constitution verbessernde Cur. Die therapeutische Einwirkung auf den S. kann durch Regelung des Verbrauches stattfinden durch gymnastische Curen, das Trainiren (s.d.) u. kalte Bäder; durch Regelung der Stoffzufuhr, bestehend in Regelung der dem Organismus zuzuführenden Nährstoffe (Milch-, Molken-, Wasser-, Hungercur); durch Regelung der Ausfuhr (Laxir- u. Schweißeuren); durch Regelung der Function, hauptsächlich bestehend in der gehörigen Vertheilung zwischen Thätigkeit u. Ruhe u. Beschränkung des Stoffverlustes. Vgl. J. Moleschott, Physiologie des S-s, Erlangen 1851; Ders., Der Kreislauf des Lebens, Mainz 1852, 4. Aufl. 1862.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

Synonyme:

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