Koran


Koran

Koran (arab.), Lesen od. Gelesenes, mit dem Artikel Alkoran, die Heilige Schrift der Muhammedaner. Der Inhalt des K. ist sehr mannigfach; Unterredung mit Gott, Erzählung, Belehrung, Ermahnung, Drohung u. Verheißung, bürgerliche u. religiöse Verordnungen für den Augenblick od. jede Zeit, Lobpreisung Gottes u. der Propheten: wechseln bunt mit einander od. Sowohl die ältere arabische Sage, als die Erzählungen des Alten u. Neuen Testaments, Sagen u. Deutungen des Talmud u. Midrasch (vgl. Geiger, Was hat Muhammed aus dem Judenthum aufgenommen? Bonn 1833), aus Apokryphen u. Protevangelien (Gerok, Versuch einer Christologie des K., Hamb. 1839) finden sich, mit Anachronismen u. Entstellungen, sowie dogmatische, ethische u. physikalische Ansichten aus den Quellen der jüdischen, christlichen u. Magier-Religion, mit unter in besonderer Färbung selbst Reminiscenzen von Bibelstellen; Vertheidigung des Propheten gegen seine Feinde u. Verläumder ist in Alles verwebt. In seiner gegenwärtigen Gestalt ist der K. etwa von gleichem Umfang wie las Neue Testament u. besteht aus 114 Capiteln (Suwwar, Suren), diese wieder aus Versen (Ajjat, d.i. Wunder, weil jeder ein solches enthält, od. selbst ein Wunder ist). Jede Sure beginnt mit einem Titel nach dem Hauptinhalte, od. einem anderen darin vorkommenden Worte od. Anfangsbuchstaben, mit der Angabe: ob sie in Mekka od. Medina geoffenbart u. wie viel Verse sie enthalte,[717] was aber nach den verschiedenen Recensionen abweicht. Dann kommen die Worte: Bismillahi er-Rahmani er-Nahimi (im Namen Gottes des Erbarmers, des Barmherzigen). 29 Suren haben hierauf einzelne Buchstaben, welche von den Koranauslegern verschiedentlich nach jüdisch-kabbalistischer Exegese gedeutet werden u. wonach die Sure oft betitelt ist; z.B. Sure Kuf (die 50.). Zum Behuf des Vorlesens zerfällt der K. in 60 Stücke (Afsab) od. 30 Abschnitte (Adschzāu), jeder zu 4 Theilen, welche 30 Mokris in den Moscheen täglich ablesen. Diese Abtheilungen, sowie die Stellen, wo eine Verbeugung od. Fußfall (Rikah, Sudschud) zu machen ist, sind am Seitenrande verzeichnet. Der K ist arabisch u. zwar im koreischitischen Dialekt geschrieben. Die Form ist poerisch, rhetorische Prosa, mitunter mit Reimen am Ende jedes Verses, die oft gezwungen sind. Die steten Anspielungen auf vorhergegangene u. Zeitbegebenheiten machen einen Commentar nöthig, doch mehr der arabische, orientalische, überladene, oft orakelhafte, mysteriöse Aufdruck voll Anakoluthen, Apofiopesen, Anallagen, unmerkbaren Übergängen der Anrede, bes. zwischen Gott u. Muhammed. Die allegorische Auslegung des K. bildet daher einen Streitpunkt der Gelehrten u. Secten, die Exegese des K. überhaupt bildet ein Hauptfach der Arabischen Literatur (s.d.). Der K. gilt bei den Muhammedanern als erste u. Hauptquelle ihrer Religion u. des Islamitischen Rechtes; daher das Lesen desselben als frommes heilbringendes Werk gilt. Da die ersten Exemplare des K. ohne diakritische Zeichen geschrieben u. daher sehr schwer zu lesen waren, so bedurfte man eines kundigen Lesers (Mokri, Mukri), u. so bildete sich ein eigener Stand. Die Koranstücke dienen zugleich als Gebete, bes. die Fatiha. Man schreibt dem Lesen gewisser Stücke specielle Heilkraft gegen bestimmte Krankheiten od. andere Wirkungen zu; auch der Eid wird auf den K. geleistet. Auf die Abschütten des K. verwenden die Muhammedaner viele Kunst.

Die Entstehungsgeschichte des K. ist sehr unsicher, die daran geknöpfte spätere muhammedanische Tradition bildet einen Streitpunkt der muhammedanischen Secten, welcher selbst viele Khalifen beschäftigte. Man sagt: die Sendung des K-s ist schon in dem von den Juden verfälschten Alten Testament verheißen. Das erste himmlische Exemplar auf der sogenannten erhaltenen Tafel (el Lauh, el Mahfuh) brachte der Engel Gabriel in einer Nacht (Leilet el Kadr) vom siebenten Himmel zum untersten Himmel des Mondes. Von vier aus bekam Muhammed innerhalb 23 Jahren den Inhalt stückweise, theils in Mekka, theils in Medina; die allgemeine Gebetformel (Vaterunser) wurde als eröffnende (Fatiha) Sure angenommen. Die einzelnen Stücke schnob Muhammed auf Palmblätter u. Häute; diese wurden in die sogenannte Lade des Lehramts gelegt u. nach Anweisung Gabriels an einander gereiht, Muhammed selbst sah das ganze, auf Pergament von der Haut des von Abraham geopferten Widders geschriebene, in Seide eingebundene, mit Gold u. Edelsteinen aus dem Paradiese verzierte himmlische Buch alle Jahre ein-, in seinem Todesjahr zweimal. Nach And. verfaßte Muhammed den K. nach bloßer Inspiration, hingegen warfen ihm seine Feinde vor, daß ihm mehre Juden u. Christen dabei geholfen hätten. Als in der Schlacht bei Jemama gegen Museilema viele Anhänger (Aßhab) Muhammeds umkamen welche die Stücke des K. im Gedächtniß bewahrt hatten, veranstaltete der Khalif Abu Bekr, auf Anrathen Alis durch Zeid Ben Thabit eine Sammlung der im Gedächtnis der Übrigen od. schriftlich erhaltenen Stücke, ließ diese mit Kufischer Schrift auf Palmblätter schreiben u. übergab dies Exemplar der Hafsa (s.d.) 634. Da aber die Kopien desselben bes. unter den Irakanern u. Syrern Streit veranlaßten, so veranstaltete der Khalif Othman unter Hinzuziehung der Aßhab sieben neue Kopien zu Medina wovon er sechs nach Mekka, Dschemen, Damask, Bahrein, Basra u. Kufa schickte, die alten aber verbrennen ließ, daher er Dschami el K. (Sammler des K.) heißt. Demnoch entstanden später wieder abweichende Recensionen, bes. sieben, nämlich zwei medinensische, eine zu Mekka, Kufa, Basra in Syrien u. die sogen. Vulgata, welche sich durch Lesarten, Zahl u. Eintheilung der Verse etc. unterscheiden. Es hatte sich nämlich eine Koransche Masora gebildet, indem man die Zahl der Verse, Buchstaben u. dgl. berechnete. Der K. soll 6000 (6236) Verse, 76,639 (99,464) Wörter, 323,015 (330,113) Buchstaben enthalten.

Handschriften des K. aus der Zeit Othmans. Alis u. Omars, sind angeblich auf den Bibliotheken zu Constantinopel, Hims (Emesa), Damask u. Kairo, aus dem 1. Jahrh. der Hedschra zu Kopenhagen; Adler, Descriptio codicum qorund. cufic., partes Corani exhibentium, Altona 1780. Die angebliche Ausgabe, welche auf Befehl des Papstes Clemens VII. verbrannt wurde, soll vom Dominicaner Alex. Pagninus Brixiensis gewesen sein. Die erste jetzt bekannte ist von Hinkelmann, Hamb. 1694; von Mollah Usman Ismael, Pertersb 1787, kl. Fol. 1790, 1793 (Nachdruck, Kasan 1809, Fol.); Kasan 1803, 1817, 2 Bde.; 1819, 6 Bde., mit arabischem Commentar 1819, Fol.; von G. Flügel, Lpz. 1834, 1842; revidirt von Redslob, ebd. 1837, n. Aufl. 1855; Muzih-i K., mit hindustanischer Interlinearübersetzung u. Noten von Maulana Schah Abdul Kadir, Calcutta 1829–32, 2 Bde., Fol., mit englischer Übersetzung, Serampoore 1833 (Steindruck), Cawnpoore von 1834, mit zwei persischen Commentaren, Calcutta 1837, mit persischer Übersetzung, Teheran 1842 etc.; Tollens, Mahomed's Koran, met bijvoeging van aateekeningen en ophelderingen der voornaamste uitleggers, Batavia 1859; Text mit lateinischer Übersetzung von Maraccio, Rom 1691, 4 Bde., Padua 1698, Fol. Übersetzungen: eine persische zu Calcutta 1831 u. 1835. 2 Bde.; eine hebräische von Reckendorf, Lpz. 1856; lateinisch vom Briten Robert Retinensis (Ketenensis) u. Hermann Dalmata 1143 (fehlerhaft), mit Anmerkungen von Joh. Alb. Vuide, Vorrede von Melanchthon, herausgeg. von Theod. Bibliander, Bas. 1543, Fol., Zürich 1550, Fol.; nach Maraccio von Reineccius, Lpz. 1721, Fol.; italienisch (aus Biblianders lat.), von Andr. Arrivabend, Ven. 1547; spanisch von Andr. v. Xativa; französisch von Andr. du Ryer, Par. 1647, Leyd. 1672, Haag 1633 s., Amsterd. 1770 (75), 2 Bde.; V. Savary, Par. 1782–89, Amsterd. 1782, 2 Bde., Par. 1829, 3 Bde., 1836. 3 Bde.; englisch von Alex. Roß, Lond. 1649. 1688; von Sale (die beste), ebd. 1734; 1764, 1801, 1812, 1835. 2 Bde.; holländisch 1641; von Glazemaker, Rotterd. 1698: russisch Petersb. 1776, Fol.; deutsch von Sal. Schweigger, Nürnb. 1616, 1623; von Dav. Nerreter, ebd. 1703; von Th. Arnold, [718] Lemgo 1646; von Megerlin, Frankf. 1772; von Boysen, 1773 u. 1775; verbessert von S. F. G. Wahl, Halle 1828; am besten von L. Ullmann, Krefeld 1840 (4. Aufl. 1856). Unter den zahlreichen Commentatoren des K. sind Beidhawi u. Samachschari die berühmtesten; der Commentar des erstern wurde von Fleischer (Lpz. 1844) herausgegeben, eine Ausgabe des zweiten hat Nassau Lees in Calcutta angekündigt Vgl. Eine Concordanz über den K., herausgeg. von G. Flügel, Lpz. 1842, u. Mirza Kasim Beg, Petersb. 1856; Weil, Historisch-kritische Einleitung in den K., Bielefeld 1844.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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