Mähren [1]


Mähren [1]

Mähren, Markgrafschaft u. Kronland in Österreich, grenzt an Böhmen, Preußisch- u. Österreichisch Schlesien, Ungarn u. Erzherzogthum Österreich u. umfaßt 403,87 geographische (od. 386,29 österreichische) QM. Das Land ist von Gebirgen umgeben, u. zwar in der Richtung von Westen gegen Norden u. Osten von dem Böhmisch-mährischen Gebirge (Spitze: Schwarzer Berg, 3120 Fuß), dem Glatzer Gebirg (Spieglitzer Schneeberg, 4482 Fuß) Mährisch-schlesisches Gesenke (Spitze Altvater 4500 Fuß), u. den Karpaten; einige dieser Gebirge ziehen sich tief ins Innere u. bilden zum Theil große Höhlen mit Tropfsteinfiguren, bei Adamsthal, Kyritein, Ochoz, Sloup, u. den Erdfall Macocha (Stiefmutter), 300 Fuß lang, 180 Fuß breit, 510 Fuß tief; die Gebirge sind zum Theil bewaldet, theils mit guten Weiden besetzt, bewohnt u. angebaut. Flüsse: March (Morawa), mit den Nebenflüssen: Beczwa, Sasawa, Olschawa, Hanna, Thaya [mit Schwarza, Igla, Swita); Oder (hier entspringend) mit der Mora. Das Klima ist gemäßigt u. zur Fruchtbarkeit des Landes sehr dienlich, doch auch sehr veränderlich mit schnellem Witterungswechsel. Producte sind: Hausvieh (Pferde, Rindvieh, veredelte Schafe, Schweine, Ziegen, sehr viel Gänse) u. Wild, Bienen, Fische u. Krebse, Getreide, vorzüglich Flachs u. Hanf, Mais, Hirse, Anis, Süßholz, Obst, allerhand Gartenfrüchte u. Handelsgewächse, Wein (dem österreichischen ziemlich gleich; der geringe indessen herbe u. wässerig; Pollaschowitz, Rosaterg, Beseng, Domanin etc. tiefern die beste Sorte); Granit, Gneiß, Marmor, Kalksteine, Porzellanerde, Kupfer, Eisen, Steinkohlen, Alaun u.a.; es gibt auch zahlreiche Mineralquellen, bes. Sauer- u. schwefelige Quellen, z.B. in Gutwasser, Huck, Jaispitz, Luhatschowitz, Napagodi (eine Salzquelle), Petersdorf, Popelin, Ullersdorf (warme Schwefelquelle), Zaharowitz etc. Die Einwohner (im Jahr 1857: 1,878,800) bestehen zum größten Theil aus Slawen, dann Deutschen, Juden u. einigen Kroaten; die Slawen besitzen die fruchtbarsten Striche u. theilen sich in Hannaken (an der Hanna, Blata u. der linken March), Wlachen, Kopaniczaren (im Gebirge), Passekarschen, Sallaschaken, Slowaken, Horaken (Podhoraken), Podluzaken u.a. Die Deutschen bewohnen einen schmalen Landstrich gegen Niederösterreich, einen breiteren in Schlesien u. Striche un, Iglau u. Zwittau u. zerfallen in Hochländer (Gesenkbewohner) Kuhländler, Thayaner u. Schönhän gstler; Beschäftigung: Ackerbau (welcher immer mehr verbessert wird u. Getreide, Flachs, Hanf, Obst im Überflusse bringt), Holzcultur, Viehzucht (in den Gebirgsgegenden wird bes. Pferdezucht getrieben; in Brünn ist ein Schafzüchterverein); Bergbau (doch nicht bedeutend auf Metalle); Industrie in Leinwand zahlreiche Fabriken in Wollen- u. Baumwollenwaaren, Leder, Eisen, Maschinen, Glas u. Rübenzuckerfabriken; Handel mit den Erzeugnissen der Wirthschaft u. der Industrie. M. wird von zwei Armen der Wien-Prager Eisenbahn durchschnitten, von denen der eine über Brünn, der andere über Olmütz führt. Die meisten Einwohner sind katholisch, u. es bestehen nur 7 sehr arme lutherische Gemeinden. Seit 1781 sichert ein Toleranzedict den Nichtkatholiken freie Religionsübung zu. Die Katholiken haben einen Erzbischof zu Olmütz u. einen Bischof zu Brünn. Gelehrten. Unterrichtsanstalten: 1 katholisch-theologische Facultät (Olmütz), 1 technische Akademie (Brünn), 2 philosophische Lehranstalten, 12 katholische u. 1 lutherisches Gymnasium, 54 Synagogen, 2 Alumnate für Theologen, 1 Cadetten- u. 1 Normalhauptschule, eine Mährischschlesische Gesellschaft zur Beförderung des Ackerbaues u. der Landeskunde. Verfassung: die Landstände bestanden bis 1849 aus Prälaten, Herren, Rittern, Bürgern (der sieben königlichen Städte), welche auf dem gewöhnlich jährlich ausgeschriebenen Landtage sich versammelten; seitdem aber aus 92 Abgeordneten, zu denen die Höchstbesteuerten 30, die. Städte u. Märkte 32 u. die übrigen Gemeinden 30 stellen Die höchste Behörde ist die Statthalterei in Brünn, das Oberlandesgericht u. die Finanzlandesdirection in Brünn, die beiden letzteren zugleich für Österreichisch-Schlesien, ebenso das Landesgeneralcommando mit dem 9. Armeecorps. Die Einkünste rechnet man zu 4,800,000 Thlr. Wappen: ein in die Länge getheilter (mit dem Fürstenhute geschmückter) Schild; auf der rechten Seite ein mit Gold u. Roth geschachter, rechtssehender, gekrönter Adler in Blau (wegen M.); auf der linken ein schwarzer, gekrönter rechtssehender Adler in Gold (wegen Schlesien), auf dessen Brust auf einem silbernen Halbmonde ein silbernes Kreuz ruht. Der Halbmond geht bis in[727] die Flügel u. läuft in Kleeblätter aus. Seit 1851 ist M. eingetheiltin die beiden Kreise Olmütz (194,16 geographische QM. mit den Bezirken: Hohenstedt, Hollethan, Ungarisch-Hradisch, Kremsier, Littau, Mistek, Neutitschein, Olmütz, Schönberg, Sternberg, Ungrischbrod, Walachisch-Meseritsch u. Weißkirch) u. Brünn (209,64 geogr. QM. mit den Bezirken Aufpitz, Boskowitz, Brünn, Datschitz, Gaya, Iglau, Kronau, Neustadtl, Nikolsburg, Trübau, Wischau u. Znaim). Hauptstadt des Kronlandes u. Sitz des Landesstatthalters ist Brünn.

Mähren war in den frühesten Zeiten von den Quaden, seit Anfang des 5. Jahrh. von Rugiern u. Herulern bewohnt, denen sich endlich um die Mitte des 6. Jahrh. die Longobarden beigesellten. Diese überließen den Slawen das Land, welche sich nach dem Morawafluß Morawen nannten. Beim Kampfe gegen die Avaren breiteten sich die Morawen über einen Theil der Länder, welche diese früher beherrscht hatten, aus, u. ihre Herrschaft reichte im Osten bis zum Tatragebirge (Königreich Großmähren). Zu Ende des 8. Jahrh. machte Karl der Große mit Hülfe der mährischen Slawen der Avarenherrschaft in Europa ein Ende u. gab das eroberte Land der beiden Manhartsviertel u. in Ungarn bis an die Theiß den mährischen Fürsten zu Lehen. Durch Urolf, Bischof von Passau, begann die Christianisirung der M.; ihr Fürst Megomir (Moimir) ließ sich taufen u. zahlte als Vasall Tribut an Ludwig d. Fr.; da er jedoch Ludwig dem Deutschen verdächtig wurde, nach der Unabhängigkeit zu streben, so zog Ludwig gegen ihn, setzte ihn ab u. ernannte dessen Neffen Radislaw zum Herzog von M. (846). Dieser schloß, um M. vom Fränkischen Reiche ganz unabhängig zu machen, mit den Bulgaren u. den byzantinischen Kaisern Bündnisse u. erbat sich, um auch in religiöser Hinsicht den Einfluß Deutschlands auf M. fern zu halten, vom Kaiser Michael geeignete Lehrer, um sein Volk im Christenthume zu befestigen Von diesem gesendet, kamen um 860 die mährischen Landesapostel Cyrillus u. Methodius nach M. Von dem deutschen König öfters bekriegt, nahm Radislaw seinen Neffen Swatopluk zum Mitregenten im Neitraer Gebiete an; dieser begab sich jedoch, da sein Land im letzten Kriege von Ludwig hart mitgenommen wurde, in den Schutz Karlmanns, u. da ihn sein Oheim deshalb zur Strafe ziehen wollte, fing er ihn u. lieferte ihn an Karlmann aus, von welchem er nach Regensburg geschickt wurde. Ludwig ließ ihn 870 blenden u. in ein Kloster bringen. Swatopluk wurde nun Lehenherzog von M., aber auch er wurde des Treubruchs angeklagt u. von Karlmann zur Hast gebracht. Da indeß die Mähren den Priester Slavumar zu ihrem Fürsten wählten u. einen Vertilgungskrieg gegen die deutschen Besatzungen im Lande begannen, so ließ Karlmann den Swatopluk frei u. dieser erlangte die Herrschaft wieder. Arnulf erweiterte M. einerseits bis an die Oder, andererseits bis an den Gran, u. Swatopluk lebte Anfangs mit ihm in Freundschaft; zuletzt entbrannte jedoch ein heftiger Krieg zwischen ihnen, in welchem Arnulf sogar die Magyaren u. Böhmen gegen Swatopluk zu Hülfe rief. So lange Swakopluk lebte, schlug er fast alle Angriffe glücklich zurück. Nach seinem Tode (894) stritten seine Söhne Moimar u. Swatobogum das Reich; Arnulf nahm sich des jüngeren Swatobog an u. führte den Kampf, als er für Letzteren unglücklich ausfiel, bis zu seinem Tode (899) gegen Moimar allein fort, welcher auch noch weiter fortgesetzt wurde, bis die zunehmende Gefahr vor den Magyaren endlich zwischen den Deutschen u. Mähren zu Regensburg einen Frieden zu Stande brachte (901). Von nun an erneuerten aber die Magyaren ihre Angriffe abermals gegen Deutschland u. M., Moimar schlug noch einige glücklich zurück, bis endlich diesem furchtbaren Feinde sogar das vereinigte deutsche u. mährische Heer in der Schlacht bei Presburg (907) unterlag u. Moimar in derselben seinen Tod fand. Hierauf wurde der größte Theil Großmährens eine Beute der Magyaren u. nur der westliche Theil bis an das rechte Marchuser gelangte an Böhmen. Doch schon Boleslaw I. entriß den. Magyaren nach ihrer Niederlage a Lech (955) die mährischen Besitzungen, welche auch sein Sohn, Boleslaw II. der Fromme, behauptete u. durch andere Eroberungen im Osten noch vergrößerte. Er st. 999, u. sein Sohn Boleslaw III. Rothhaar ließ sich nicht nur die Eroberungen seines Vaters, sondern sogar auch M. von Boleslaw Chrabry, Herzog von Polen, wieder entreißen; 1025 eroberte Udalrich einen Theil von Mähren wieder u. 1029 sein Sohn Bretislaw I. den Rest, wodurch M. schon damals so ziemlich seinen jetzigen Umfang erhielt. Von dieser Zeit blieb M. mit Böhmen verbunden, wurde aber von den böhmischen Herzögen u. Königen oft an nachgeborne Söhne od. Verwandte als Lehn überlassen u. oft auch getheilt. Letzteres geschah schon unter Brzetislaw I. (st. 1055), welcher seinem zweiten Sohne Wratislaw Olmütz, dem dritten, Otto, das Gebiet von Brünn, u. dem vierten, Konrad, Znaim bestimmte. Nachdem aber der Erstere nach seines älteren Bruders Spitignew II. Tode Herzog von Böhmen geworden war, überließ er Olmütz seinem zweiten Bruder Otto, u. Brünn wurde Konrad zugelegt. Den Herzog Wratislaw erhob Kaiser Heinrich IV. auf einem Reichstage zu Mainz (1086) zum König von Böhmen. Wratislaws Brüder u. deren Söhne u. Enkel blieben nun Herren der abgetheilten mährischen Herzogthümer, bis Konrad Otto von Znaim, um sich gegen Friedrich, Herzog von Böhmen, zu schützen, vom Kaiser Friedrich I. 1082 M. als eine Markgrafschaft zu Lehen nahm. Aber er wurde von dem böhmischen König wieder unterworfen, u. bei der völligen Constitution der Markgrafschaft M. vom 6. Dec. 1197 wurde bestimmt, daß dieselbe dem Königreiche Böhmen lehnspflichtig sein sollte. Mit Wladislaw, Bruder des Königs Przemysl Ottokar I., beginnt die ununterbrochene Reihe der mährischen Markgrafen.1240, da König Wenzel I. seine Söhne Wladislaw u. Przemisl zu Markgrafen in M. eingesetzt hatte, fielen die Tataren ins Land, wurden jedoch durch den Helden Jaroslaw von Sternberg vor Olmütz geschlagen u. nach Ungarn zurückgedrängt. Nachdem Böhmen an das Haus Luxemburg gekommen war, belehnte Kaiser Karl IV. seinen Bruder Johann Heinrich mit M., welchem 1375 sein Sohn Jost (Jodocus) folgte, dessen Brüder Johann u. Prokopius einzelne Herrschaften mit dem Titel Markgrafen von M. erbten. Von diesen erwarb Jodocus, um die häufigen Familienzwistigkeiten zu beendigen, nach u. nach ihre Antheile u. besaß so die gesammte Markgrafschaft; später erbte er von seinem Oheim, Johann von Görlitz, auch die Lausitz u. wurde kurz vor seinem Tode (st. 1411) zum deutschen Kaiser gewählt. Nach Jodocus' Tode ging M. als Lehn der böhmischen Krone an König Wenzel IV. u. nach[728] dessen kinderlosem Hinscheiden (st. 1419) an seinen jüngeren Bruder Sigmund, König von Ungarn, über, welcher es 1423 seinem Schwiegersohne, Albrecht, Herzog von Österreich, überließ. Hierauf kam es wieder an Böhmen, mit welchem es nach Ludwigs II. Tode in der Schlacht bei Mohacz 1526 an Österreich fiel. Durch die Reichsverfassung von 1849 wurde es als besonderes Kronland von Böhmen getrennt, u. auch das Herzogthum Schlesien, welches administrativ bis dahin mit M. vereinigt war, davon losgelöst. Vgl. Stredowsky, Moravia sacra, 1710; Wolny, Taschenbuch für die Geschichte M-s u. Schlesiens, Brünn 1826 f., 2 Bde.; Codex diplomaticus et epistolaris Moraviae, herausgegeben von Boczek, dann von Chlumecky u. Chytil (Brünn 1836–58, 7 Bde.); Wettenbach, Beiträge zur Geschichte der Christlichen Kirche in M., Wien 1849; Die Landtafel des Markgrafenthums M, (Sammlung von Rechtsbüchern u. Rechtssprüchen, sowie von Urkunden, die Adelsgeschlechter M-s etc. betreffend), herausgegeben von Chlumetzky u. A., Brünn 1854 ff.; Wolny, Allgemeine Topographie M-s, ebd. 1835; Ders., Die kirchliche Topographie M-s, ebd. 1855 ff.; Chlumetzky, Regesten der mährischen Archive, 1856; Raffay, Ortschaftsverzeichniß der Kronländer M. u. Schlesien, Olm. 1852; Schriften der historisch-statistischen Section der K. K. Mährisch-Schlesischen Gesellschaft, Brünn seit 1851.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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