Bergsturz


Bergsturz

Bergsturz, 1) das Loslösen u. Einstürzen einer Bergwand. B-e entstehen, wenn Wasser eindringt, sich ansammelt u. allmälig poröse Gesteine u. Schichten ganz durchtränkt, auflockert, auch wohl chemisch zersetzt. So werden diese Massen, welche den über ihnen liegenden zur Unterlage dienen, von Zeit zu Zeit immer schwankender, geben immer mehr nach, weichen endlich ganz u. haben so zuletzt das Einstürzen der Berge od. auch anderer Erdschichten zur Folge. Senken sich dabei die Erdschichten nicht nach der Seite hin, sondern mehr vertical in die Tiefe des Bodens selbst hinab, so daß Vertiefungen entstehen, so nennt man dies Erdfälle (s.d.). Vorzüglich reich an B-n ist die Schweiz, u. sie entstehen dort häufig in Molasse- u. Nagelfluegebilden; Zeugniß davon geben jene Nagelflueblöcke zwischen Bilten u. Nieder-Urnen, (im Canton Glarus), im Goldauer Thale (Canton Schwyz) zwischen den Nagelfluefelsen des Rigi u. Ruffi (wo 1353 durch einen solchen B. das Dorf Röthen größtentheils zerstört wurde), u. an der SWSeite des Ruffi. Hier stürzte am 2. Sept. 1806 ein Nagelfluelager etwa 3000 F. doch herab, bedeckte das Goldaner Thal bis zum Rigi auf eine Stunde in die Länge u. Breite u. mehrere Hundert Fuß hoch mit Trümmern, begrub die Dörfer Goldall, Burfingen, Röthen u. Lowerz u. füllte einen Theil des Lowerzer Sees gänzlich aus. Die Nagelfluemassen verwittern an u. für sich nur wenig u. sind dazu noch oft von einer reichen Pflanzendecke geschützt, aber gewöhnlich wechseln sie mit Molasse u. Thonschichten, welche leicht verwittern u. vom Wasser allmälig aufgelockert u. weggeführt werden, was das Zusammenbrechen der oft dünnen Nagelflueflächen zur Folge haben muß. Zu diesen B-n gehören auch die sogenannten Erdschlipfe (s.d.). Doch nicht blos Bergschichten, sondern auch Felsen aus dem festesten Gestein gebildet, können zum Wanken gebracht u. endlich von ihrer Unterlage losgerissen werden (Felssturz); dies geschieht, wenn die Gesteinlagen stark geneigt, von weitläufigen Sprüngen durchzogen u. zackig sind u. bis in die Regionen des ewigen Schnees hinaufragen. Regen, Kälte u. Frühlingsthauwetter wirken hier bes. kräftig, es entstehen neben älteren Sprüngen neue Brüche u. Senkungen, Klüfte öffnen u. erweitern sich immer mehr u. füllen sich mit Wasser, der Frost treibt sie auseinander, u. so werden oft große Felsenmassen bei Seite geschoben, bilden dadurch allmälig dachförmige Vorsprünge u. stürzen endlich hinab. Die Diablerets, eine Höhe der Berner Alpen, haben jetzt nur noch 3 Hörner, die übrigen stürzten 1714 u. 1749 ein; 1835 brach auch eine gewaltige Masse von der Spitze des Mittagshorn (Dent du Midi) ein; am 5. Sept. 1616 erfolgte der große B. des Conto im Canton Graubündten, wobei das Städtchen Plürs u. das Dorf Eilano verschüttet u. über 2000 Menschen u. der den Orten gehörige Viehstand lebendig begraben ward. 1821 stürzte in der Nähe des Col de Ferret, an der SOSeite der Montblanckette, ein Granitfelsen herab, ebenso ein Granithorn, oberhalb des Talèfre-Gletschers im Chamounythal im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrh. Die berühmtesten Berg- u. Felsstürze neuester Zeit sind: in der Schweiz: ein B. u. Bergeinsenkungen in der Nacht vom 29. zum 30. Januar 1840 bei Salins im Jura; die obere Masse des Berges Cermans stürzte zum Theil ins Thal, der Berg selbst senkte sich gegen 200 Metres tief ein; im Canton Bern den 29. Juli 1846 im Kandergrien ein Erdrutsch u. B., wobei ungefähr 4–5 Juchart Land in die Tiefe des Sees sank; den 2. Aug. 1847 Berg- u. Erdschlipf bei Schleuis in Graubündten; am 14. Sept. Felssturz über das Dorf Sembrancher am rechten Ufer der Dranse in Wallis; am 3. Juli 1848 Einsturz des 700 Fuß hohen Felsens Dent de Naye im Thale Montreux; am 2. Sept. 1850 bei Felsberg im Rheinthal 1 Stunde von Chur, nachdem schon seit 1834 zu verschiedenen Malen (bes. 1840 u. 1844) eine Menge Felsstücke dort herabgestürzt waren; im August 1851 B. u. Erdschlips bei Biberregg im Canton Schwyz, wo eine Strecke von 4000 Ellen Länge u. 2000 Ellen Breite sich in fortschreitende Bewegung setzte; am 1. Juli 1852 B. in Niederried, am rechten Ufer des Brienzer Sees u. im August bei der Saline zu Rheinfelden bei Basel; am 25. Juli 1855 löste sich in Folge des weitverzweigten Erdbebens im Canton Wallis von der Alpenspitze Matterhorn eine Felsenwand u. stürzte ins Thal. Gleichzeitig erfolgten Berg- u. Felsenstürze im Vispthale, in Graubündten u. 1856 im Baderwald Zehnten u. Gombs, an dem Galandaausläufer[613] Eck, bei Pfäffers im Rheinthal, auch das Dorf Felsberg blieb nicht verschont, denn am 1. Oct. lösten sich abermals Felsenmassen los. In Deutschland ereignete sich ein B. im Febr. 1830 bei Bregenz in der Grafschaft Tyrol; vom 18.–21. Mai 1845 eine Erdverschiebung hinter Dirnheim bei Oppenheim, u. ein Felssturz am 19. August d. J. bei Stog unweit Botzen. Am 20. Decbr. 1846 ebenfalls ein B. zwischen Oberwinter u. Remagen u. den 18. Febr. 1847 ein solcher bei Montjoie. Im Jahre 1851 bewegte sich im April zwischen Wetzlar u. Dillenburg (bei Werdorf) ein Bergstück gegen die Landstraße, u. in der Nacht zum 2. August ward der Ort Ötz bei Salzburg durch einen B. verwüstet; am 12. August 1851 stürzten vom Schrobenberg beim Schlosse Brannenberg zwischen Audorf u. Aibling im Amte Rosenheim in Baiern Massen von Erdschutt u. Geröll auf das Dorf Weidach u. die Kirchbachmühle, u. am 31. dieses Monats erfolgte bei Bregenz abermals ein B. von Schlamm u. Steingeröll. Ende Mai 1852 bewegte sich der Narötzerberg bei Gries im Sellrainthale in Tyrol mit großem Steingeröll ins Thal; in Württemberg stürzte in der Nacht zum 23. August, in Folge eines wolkenbruchartigen Regens, bei Erolzheim unweit Biberbach die obere nordöstliche Seite des Frohberges in das Thal, u. die Kapelle u. einige Häuser wurden zerstört; zu Ende 1852 ereignete sich an der Geba, einem der höchsten Vorgebirge der Rhön, ein B. mit Einsenkungen. Am 27. März 1855 stürzte ein kolossales Felsenstück von der sogenannten Rabendogge bei Goldberg in Schlesien u. verwüstete die nahe liegenden Gärten u. Äcker. Durch die Erderschütterungen vom 5. u. 6. Febr. 1856 lösten sich große Felsstücken vom Abendberge, dem Schlosse Weißenau u. Martigen gegenüber, ferner an der Straße nach Lautenbrunnen in Württemberg u. bei Boppard in der Rheinprovinz, oberhalb Camp, von dem sogenannten Sieglai. Auch bei Heidelberg haben in. kalten Wintern nicht selten Einstürzungen der Granitfelsen statt, welche das Neckarufer begrenzen. In Italien, namentlich in den italienischen Alpen, ereigneten sich im Jahre 1835 erhebliche Berg- u. Felsenstürze u. am 23. Jan. 1841 ward der Flecken Gragnano am Fuße des Monte San Angelo in Neapel zum größten Theil durch einen B. verschüttet, wobei 113 Personen ums Leben kamen. Im März 1852 stürzte eine Felsenmasse vom Berge Vicesio bei Bologna; ebenso erfuhren am 7. Juli die Gemeinden Polaggio u. Postalesio in Veltlin einen B. Am 23. August 1854 löste sich ein Theil des Berges, auf welchem das Kloster Camaldoli (bei Neapel) liegt, ab u. verschüttete mehrere Häuser des Dorfes Sucavo. In der Provinz Casentino in Toscana rollte am 15. Febr. 1855, durch anhaltende Regengüsse verursacht, ein Theil des Berges Belmonte in das Thal Picol S. Stefano herab, vernichtete im Dorfe Moggiona 6 Häuser, stürzte in das Tiberbett, verhinderte somit den Ablauf des Wassers u. vergrößerte die bereits eingetretene Überschwemmung noch mehr. So ward auch in Parma am 9. April d. J. durch einen Erdsturz vom Berge Cajo das Dorf Carobbio fast ganz zerstört. In Ungarn stützte am 13. März 1846 der hohe Kegel des Vale Lázaluj (Mormenzel Berg) im Borssöer Engpaß (Gespannschaft Szathmar), ins Thal u. verschüttete in einer Ausdehnung von 130 Fuß den Fluß Szamos, wodurch das ganze Szamosthal unter Wasser gesetzt ward. Am 20. März 1847 stürzte der sogenannte Schanzenberg zwischen Paksch u. dem Dorfe Kömlod in der Gespannschaft Tolna in die Donau, u. den 13.–15. August 1851 setzte sich der Berg Galesztás in der Koloscher Gespannschaft in Bewegung u. drängte den Grund u. Boden der kleinen Ortschaft Magyarokerek nach dem Berge Bényikis zu. Fast gleichzeitig ward an der siebenbürgischen Grenze der Ort Feketeto durch einen B. heimgesucht. In Großbritannien, zunächst auf Helgoland, stürzte in der Nacht zum 12. Oct. 1838 der bis dahin den Schiffern als Seezeichen dienende hohe Felsen, der Mönch genannt, nach vorhergegangenem zweitägigen heftigen Sturm, in die See; 1848 stürzte bei Cashel, in der irischen Grafschaft Tipperary, ein Felsen, u. 1853 im Januar ereignete sich an der Kreideküste von Dover ein mächtiger Kalksteinsturz. Auch Frankreich hat in neuester Zeitsolche Naturerscheinungen aufzuweisen: ein B. fand am 16. Oct. 1846 bei Montbrison statt; im Departement Ardèche lösten sich den 22. Oct. 1855 bei einem Walddörfchen Felsenmassen, u. im Dec. 1856 ereigneten sich bei Tain im Departement Drôme Felsenstürze. In Schweden bewegte sich im Juli 1845 im Kirchspiel Henning eine gewaltige Masse Land von einer Höhe 600 Schritt tiefer in die Ebene; in Norwegen ward das Dorf Helsingegard durch einen B. am 11. Sept. 1847 verschüttet. In Armenien geschahen durch ein Erdbeben am 22. Juni 1840 am Berge Ararat umfangreiche Felsenstürze, u. in Brasilien ward der obere Theil der Stadt Bahia am 9. Juli 1843 durch einen B. verschüttet. Vgl. Catalogue chronologique des chutes de pierres et des masses, que l'on présume tombées sur la terre, Paris 1812; 2) Ort, wo ein Berg, od. ein Stück desselben herabgestürzt ist; 3) das Einfallen eines ausgebühnten Schachtes.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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