Helĕna [1]


Helĕna [1]

Helĕna (Helene), 1) nach der Sage gebar Leda von ihrem Gemahl Tyndareus u. vom Zeus zugleich Mutter geworden, zwei Eier; das eine enthielt Kastor u. Pollux, das andere Klytämnestra u. H.; diese u. Pollux waren von Zeus. Wegen ihrer Schönheit entführte sie Theseus aus dem Tempel der Persephone u. brachte sie nach Aphidnä, die Dioskuren befreiten sie jedoch u. führten sie wieder zu Tyndareus. Eine Menge Freier kamen nun herbei, u. ihr Vater ließ alle schwören, daß sie demjenigen einst in seiner Befehdung beistehen würden, welchen H. zum Gatten gewählt haben würde. H. wählte Menelaos, wurde ihm aber durch Paris entführt, dem sie Aphrodite als Preis für sein Urtheil über den bekannten Apfel zu ihren Gunsten bestimmt hatte (Raub der H., besungen von Koluthos, s.d.). Der Raub der H., u. daß sie auf das Verlangen von Gesandten nicht zurückgegeben wurde, veranlaßte den Trojanischen Krieg (s.d.). Nach dem Tode des Paris heirathete sie den Bruder desselben, Deïphobos. Als Ilion aufs Äußerste gebracht war, gab sie durch Fackeln den Griechen das Zeichen zum Einbruch u. kehrte nach der Einnahme der Stadt mit Menelaos nach Sparta zurück. Nach dem Tode des Menelaos wurde sie von ihren Stiefsöhnen, Nikostratos u. Megapenthes, aus Sparta vertrieben, floh nach Rhodos, wurde aber von Polyxo, der Gemahlin des Tlepolemos, welcher vor Troja gefallen, aufgehängt u. später von den Rhodiern als Dendritis verehrt; auch in Lakedämon hatte sie einen Tempel, u. daselbst[209] wurden ihre Feste (Helenĭa), bei denen Mädchen in Procession aufzogen, gefeiert. Sie erscheint fast durchgängig als schönes, aber schwaches, doch nicht mit Absicht buhlerisches Weib, ausgezeichnet durch ihre Geschicklichkeit im Spinnen u. in künstlicher Weberei. Ihre Tochter von Menelaos war Hermione. Sie ist das Sujet einer Tragödie des Euripides, s.d. 2) Tochter der Vorigen von Paris, wurde bei Trojas Eroberung von Hekabe ermordet. 3) Tochter von Ägisthos u. Klytämnestra, wurde von Orestes getödtet. 4) St. H., nach der Legende aus Trier gebürtig, wahrscheinlich Tochter eines Gastwirths, geb. um 274 n. Chr.; wegen ihrer Schönheit wurde sie vom Kaiser Constantius Chlorus geheirathet u. gebar demselben den nachmaligen Constantin den Großen. Von ihrem Gemahl bei der Heirath mit Theodora verstoßen, lebte sie dann zurückgezogen (im Trierschen), bis sie ihr Sohn zur Augusta u. Imperatrix erklärte u. ihr großen Einfluß auf die Regierung verstattete; sie erbaute, zum Christenthum übergegangen, Kirchen, unterstützte die Armen etc. 326–27 besuchte sie die heiligen Stätten zu Jerusalem u. fand Jesu Kreuz (s. Kreuzerfindung), baute auch auf den einzelnen heiligen Stätten Kirchen; sie st. 360, u. ihr Leichnam soll in Rom, Hautvilliers u. in Venedig bestattet sein; sie wurde canonisirt, ihr Tag: 18. August. Nach ihr wurde Drepanum Helenopŏlis (welches auch ihr Geburtsort sein soll) u. der westliche Theil des kappadocischen Pontus Helenopontos genannt. 5) Flavia Julia, Tochter Constantius des Großen u. Gemahlin des Kaisers Julian. 6) St. H., als Heidin Olga, geb. in Pskow; heirathete 903 den russischen Großfürsten Igor u. wurde nach dessen Tode 945 Reichsverweserin u. Vormünderin ihres Sohnes Sviatoslaw; nach der Sage nahm H. an den Derwiern, welche ihren Gemahl erschlagen hatten, dadurch Rache, daß sie deren Hauptstadt verbrannte, indem sie Tauben u. Sperlinge, denen sie brennende Schwefelfäden unter die Schwänze gebunden hatte, losließ; 955 machte sie eine Reise nach Constantinopel, wo sie die Taufe u. den Namen H. empfing, u. erbat sich 959 von Kaiser Otto dem Großen durch eine Gesandtschaft Geistliche, die ihr Volk im Christenthum unterrichten sollten, worauf Otto den St. Adalbert sandte. H. st. 969; sie ist eine der 57 Heiligen der Russischen Kirche; ihr Tag: 11 Juli. 7) H., Tochter des Herzogs Urosch von Serbien, wurde 1127 mit dem blinden Prinzen Bela von Ungarn vermählt, welchen König Stephan II. zu seinem Nachfolger erklärte; 1131 st. Stephan, u. H. regierte dann bis zu Belas II. Tode (1141) an seiner Statt, s. Ungarn (Gesch.). 8) H., Tochter des Herzogs Otto des Altern von Braunschweig, Gemahlin des Landgrafen Hermann II. von Thüringen. 9) H. Alexandrine Friederike, Erzherzogin von Österreich, geb. 1797, Tochter des Herzogs von Nassau-Weilburg, vermählt 1815 mit dem Erzherzog Karl, st. 1829. Nach ihr ist Helenenthal bei Baden mit der Weilburg benannt. 10) H. Paulowna, Großfürstin von Rußland, Tochter des Herzogs Paul von Württemberg u. der Prinzessin Charlotte von Sachsen-Altenburg (damals Hildburghausen), hieß früher Charlotte Marie, sie ist geb. 9. Jan. 1807 (a. St. 28. Decbr. 1806) u. wurde 1824 mit dem Großfürsten Michael, Bruder des Kaisers Nikolas vermählt, wobei sie zur Russischen Kirche übertrat u. den Namen H. annahm; sie ist seit 9. Sept. 1849 Wittwe, u. ihre noch lebende Tochter Katharine ist mit dem Prinzen Georg von Mecklenburg-Strelitz vermählt. 11) H. Louise Elisabeth, Herzogin von Orleans, die Tochter des 1819 verstorbenen Erbgroßherzogs Friedrich Ludwig von Mecklenburg-Schwerin, geb. 24. Jan. 1814, wurde 1837 mit Ferdinand, Herzog von Orleans, ältestem Sohn des Königs Ludwig Philipp u. damals präsumtivem Thronerben Frankreichs, vermählt, gebar demselben den Grafen von Paris (geb. 24. Aug. 1838) u. den Herzog von Chartres (geb. 9. Nov. 1840) u. wurde 13. Juli 1842 Wittwe. Nach der Abdankung Ludwig Philipps am 24. Febr. 1848 zu Gunsten des Grafen von Paris, sollte ihr die Regentschaft übertragen werden; sie begab sich daher nach der Flucht ihres Schwiegervaters während der Revolution in den Straßen von Paris, in die Deputirtenkammer; hier wurde sie mit Beifall empfangen u. Odilon-Barrot sprach für die Regentschafts H-s. Als aber die Republikaner die Oberhand behielten, entfernte sie sich von Paris u. ging über Lille nach Ems; hier lebte sie eine Zeitlang mit ihren Kindern in größter Zurückgezogenheit, nahm aber später ihren Wohnsitz in Eisenach. Im Sommer 1849 begab sie sich mit ihren Söhnen nach England zur vertriebenen Königsfamilie, lebte dann theils in Eisenach, theils in Kitley bei Plymouth, sich nur der Erziehung ihrer beiden Söhne widmend. Bei der Verordnung über den Verkauf der Orleanschen Güter in Frankreich 1852 blieb ihr Wittweneinkommen, 300,000 Frcs, unverletzt; sie st. 18 Mai 1858 zu Richmond in England. Vgl. G. H. von Schubert, Erinnerungen aus dem Leben der Herzogin H. Louise von Orleans, München 1859; Marquise de Harcourt, Madame la Duchesse d'Orleans, Hélène de Mecklenbourg-Schwerin, Par. 1859 (deutsch, Berl. 1859).


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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