Fette [1]


Fette [1]

Fette, I (Chem.), im Thier- u. Pflanzenreiche sehr verbreitete, stickstofffreie, kohlenstoffreiche Verbindungen der fetten Säuren (s.d.) mit eigenthümlichen organischen. Basen, den sogenannten Fettbaseu (s.d.). Im reinen Zustande sind sie weiß, durchscheinend, ohne Geruch u. Geschmack, ohne Reaction auf Pflanzenfarben, bei gewöhnlicher Temperatur hart (Talg), weich (Butter, Schmalz) od. flüssig (fette Öle, Thran); durch starke Abkühlung, bes. der alkoholischen Lösung, können sie in weißen glänzenden Schuppen od. Blättchen erhalten werden. Sie sind unlöslich in Wasser u. specifisch leichter als dieses, lösl ch in Alkohol, Äther, ätherischen Ölen u. Schwefelkohlenstoff, verbrennen mit leuchtender Flamme, besitzen eine eigenthümliche Schlüpfrigkeit u. verursachen auf Papier od. Zeug einen durchscheinenden Flecken, welcher durch Erwärmen nicht verschwindet (Unterschied von den ätherischen Ölen): sie sind nur im luftleeren Raum theilweis ohne Zersetzung destillirbar. Sie absorbiren den Sauerstoff aus der Luft u. können, wenn sie sehr vertheilt sind, so viel in sich aufnehmen, daß sie sich entzünden; dieser Fall tritt z.B. ein, wenn Wolle od. Baumwolle, welche zum Abwischen von Fett an Maschinentheilen gedient hat, längere Zeit an der Luft liegt. Hierdurch sind schon mehrfach Brandunglücke in Fabriken entstanden, Bei der trockenen Destillation liefern die F. theils wjeder F., theils fettartige u. breniche Producte, einen bei gewöhnlicher Temperatur flüssigen Körper, das Akrol od. Akrolein u. eine Reihe Kohlenwasserstoffe, Werden sie plötzlich stark erhitzt, so entwickeln sie Kohlenwasserstoffe u. eine theerartige Masse (Fetttheer), welche in der Thierheilkunde unter dem Namen Philosophenöl (Oleum philosophorum,) angewendet wird; auf glühende Körper gebracht, zersetzen sie sich in Kohlenoxyd u. ölbildendes Gas. Hierauf beruht die Anwendung des Fettes zur Darstellung des Leuchtgases, s.u. Gasbeleuchtung. Am häufigsten, in bei Weitem den meisten Fetten, tritt als Fettbasis das Lipyloxyd (Glyceryloxyd, = C3H2O) auf, dessen Hydrat das Glycerin, = C6H8O6, ist. Von den fetten Säuren kommen vorzugsweise Margarinsäure, Stearinsäure u. Oleïnsäure vor, welche in wenig Fetten ganz fehlen u. durch ihre relative Menge die festere od. flüssigere Consistenz derselben bedingen. Die bei gewöhnlicher Temperatur festen F. hat man im Allgemeinen Stearine genannt, die flüssigen dagegen Oleïne; speciell versteht man aber unter Stearin das bei gewöhnlicher Temperatur feste stegrinsaure Lipyloxyd, welches in vielen Thierfetten vorkommt, unter Oleïn aber oleïnsaures Lipyloxyd, das flüssige Fett vieler Thierfette u. Pflanzenöle. Manche Öle trocknen an der Luft zu einer festen Masse, diese nennt man trocknende Öle; andere trocknen nicht, diese heißen nicht trocknende od. fette Öle. Schwefelsäure in geringer Menge verursacht in den Fetten die Bildung von Glycerinschwefelsäure unter Abscheidung der fetten Säuren; in größerer Menge angewendet, verbindet sie sich mit den Säuren zu neuen Körpern, welche durch Wasser in Schwefelsäure u. (nach Fremy) in Metamargarin-, Hydromargaritin-, Hydromargarin-, Metoleïn u. Hydroleïnsäure zerfallen. Der Schwefelsäure bedient man sich übrigens zum Reinigen der F. (s. unten III.) Salpetersäure wirkt im verdünnten Zustand wie Schwefelsäure; concentrirte erhitzt sich stark damit, so daß bisweilen Entzündung eintritt Chlor, Brom u. Jod zersetzen die F., Phosphor, Schwefel u. Selen lösen sich ohne Veränderung darin auf. Starke unorganische Basen zerlegen die F. in der Art, daß sich dieselben mit der fetten Säure verbinden u. die Fettbasis frei machen; die entstandenen fettsauren Salze nennt man Seifen, Pflaster, wenn die Basis Bleioxyd ist. In der Regel erfolgt die Verseifung leicht durch Kochen des Fettes mit einer wässerigen Lösung von Ätzkali, zuweilen muß man aber eine alkoholische Lösung anwenden, um die Verseifung vollständig zu bewirken, z.B. beim Schildkrötenfett; od. mit Kali schmelzen, wie beim Myricin. Einige F. können nicht verseift werden, man nennt sie daher unverseifbare F. Das Ranzigwerden der F. beruht auf einer theilweisen Zersetzung derselben in Fettsäure u. Glycerin; dieser Proceß wird in der Regel durch sich zersetzende albuminose Materien eingeleitet, welche die F. enthalten, u. gibt sich durch einen unangenehmen Geruch u. kratzenden Geschmack zu erkennen. Eine Zerlegung der F. in Säure u. Basis findet auch durch frischen pankreatischen Saft u. bei manchen Fetten durch überhitzten Wasserdampf statt.[233] II. (Physiol.). A) Im Pflanzenreiche sind die F. sehr verbreitet, gewöhnlich finden sie sich in gewissen Pflanzentheilen angehäuft, bes. in den Samenlappen, wie bei den Cruciferen, Ürticeen, Papaveraceen, Amygdaleen, zuweilen im Fleisch der Früchte, wie bei den Oleraceen, seltener in den Wurzeln. Sie sind theils flüssig, theils fest; am häufigsten finden sich Margarin, Oleïn u. Olin. Sehr verbreitet sind auch die Wachsarten im Pflanzenreich; so besteht z.B. der Überzug der sogenannten bereisten Pflanzen aus kleinen Wachskörnchen, auch ist es wesentlicher Bestandtheil des Korkes u. des Blattgrüns, sowie mancher Milchsäfte. Einige Pflanzen enthalten so viel Wachs, daß man es im Großen daraus gewinnt; es scheint aber nicht mit dem Bienenwachs identisch zu sein. Über die Bildung u. die physiologische Bedeutung der F. in den Pflanzen ist nur wenig bekannt; sie entstehen wahrscheinlich theils aus Kohlenhydraten, theils aus Proteïnkörpern u. scheinen bei der Keimung eine ähnliche Rolle zu spielen, wie das Stärkemehl. B) Im Thierreich. Wichtiger als für das Leben der Pflanzen sind die F. für den thierischen Organismus. Hier finden sie sich, theils in Zellen eingeschlossen, theils frei, in allen festen u. flüssigen Theilen. Vorzugsweise ist das Fett im Bindegewebe angehäuft, im Panniculus adiposus der Haut, im Netz der Bauchhöhle, in den Augenhöhlen, am Herzen, an den Fußsohlen u. den inneren Flächen der Hand, um die Nieren, in den weiblichen Brüsten, im Knochenmark etc. Von den thierischen Flüssigkeiten ist am fettreichsten die Eiflüssigkeit, die Milch u. der Eiter, dann der Chylus, am ärmsten u. zuweilen völlig fettfrei ist normaler Harn. Während der Kindheit ist der Organismus meist reich an Fett, welches mit eintretender Geschlechtsfunction abnimmt; im höheren Mannesalter findet wieder eine reichlichere Fettablagerung statt, u. erst im hohen Lebensalter schwindet es wieder. Der weibliche Organismus ist weit reicher gn Fett, als der männliche, worauf schon die runderen Formen des weiblichen Körpers hindeuten. Von Einfluß auf die Fettbildung im thierischen Körper ist ferner die Geschlechts- u. Muskelthätigkeit, welche der Zunahme des Fettes hinderlich sind; daher werden angestrengte Thiere selbst bei reichlicher Nahrung mager, auch gestattet man dem Mastvieh deshalb wenig Bewegung. In pathologischen Zuständen finden Fettablagerungen bes. in der Leber, Milz u. den Nieren, am Herzen, in gelähmten Muskeln etc. statt; bei Säufern zeigt sich eine bedeutende Vermehrung des Fettes im Blute. Ein großer Theil des im thierischen Organismus angehäuften Fettes rührt direct von fetthaltiger, sei es vegetabilicher od. animalischer, Nahrung her. In neuerer Zeit sind, ngmentlich von Dumas, Boussingault u. Liebig, zur Beantwortung der Frage zahlreiche Versuche angestellt worden: ob das durch die Nahrung aufgenommene Fett hinreiche, den thierischen Körper hinreichend damit zu versorgen, od. ob in demselben auch aus anderen Nahrungsstoffen Fett erzeugt würde. Französische Forscher glaubtenaus ihren Versuchen das Erstere annehmen zu müssen, während sich Liebig u. seine Schule für die Ansicht entschieden, daß eine Umwandelung anderer in den Organismus gebrachten Stoffe in Fett stattfinde, wofür auch bes. die Versuche von Huber, Gundelach u. And. sprachen, aus denen hervorgeht, daß Bienen, welche mit reinem Zucker gefüttert werden, Wachs zu erzeugen im Stande sind, u. durch wiederholte Versuche auch an anderen Thieren hat man sich zur Genüge überzeugt, daß unter Umständen auch Fett innerhalb des thierischen Organismus gebildet werde. Aber welche Stoffe vorzugsweise im Stande sind, sich in Fett umzuwandeln, ist noch nicht vollständig entschieden, ebensowenig die Bildungsstätte der F. im Organismus mit Bestimmtheit ermittelt; durch zahlreiche Beobachtungen ist es aber höchst wahrscheinlich gemacht worden, daß die Kohlenhydrate (Zucker, Stärkemehl etc.) u. Proteïnsubstanzen (Eiweiß etc.) einen wesentlichen Antheil an der Fettbildung nehmen, ja, daß sie vielleicht allein in Berührung mit thierischen Säften in Fett umgewandelt werden können. Die Resorption der mit der Nahrung aufgenommenen F. erfolgt hauptsächlich durch die Chylusgefäße, jedoch nehmen auch die Blutcapillaren einen Theil desselben auf. Der Nutzen, den das Fett für den thierischen Organismus hat, ist ein vielfacher: es dient einestheils zur Ausfüllung der Zwischenräume, welche die Muskeln, Knochen, Gefäße u. Nerven übrig lassen, bewirkt eine größere Beweglichkeit der einzelnen Organe u. Organentheile u. gibt dem ganzen Körper Rundung, anderntheils schützt es, als schlechter Wärmeleiter, den Körper vor zu großer Wärme u. Kälte u. erhält in demselben immer eine gleichmäßige Temperatur. Von großem Einfluß ist das Fett bei der Bildung der Zellen u. Gewebe u. liefert durch seine langsame Oxydation einen wesentlichen Beitrag zur Entwickelung der thierischen Wärme; es nimmt Antheil an der Gallenbildung u. ist überhaupt einer der thätigsten Vermittler der thierischen Stoffmetamorphose.

III. (Technol.) Die F. dienen zu mancherlei Zwecken: als Nahrungsmittel, zur Beleuchtung als Öl in Lampen u. als Kerzen, zur Fabrikation von Leuchtgas, zur Bereitung von Seifen u. Pflastern, von Druckerschwärze u. Firnissen, in der Malerei, zu Maschinenschmiere etc. Zu ihrer Gewinnung muß man die Zellen, in denen sie eingeschlossen sind, zersprengen; dies geschieht bei den Pflanzenfetten durch Druck von Pressen u. Stampfmühlen. Gewöhnlich trocknet man erst die Pflanzentheile u. preßt sie dann bei möglichst niederer Temperatur aus; das erhaltene Öl läßt man durch ruhiges Stehen sich klären, wobei schleimige u. albuminose Stoffe mit dem Wasser zu Boden sinken. Im Rückstand (Ölkuchen) ist noch viel Fett enthalten, man benutzt ihn mit Vortheil zur Viehfütterung, hier u. da auch zur Brodbereitung. Gewöhlich bedient man sich der Schwefelsäure zur Reinigung der Pflanzenöle; man mischt 1–2 Proc. davon mit dem erwärmten Öl, schüttelt es mit warmem Wasser, dann mit etwas Kalkwasser u. läßt es einige Tage stehen, bis sich das Öl geklärt hat. Dann kann man es noch. wenn man es farblos erhalten will, durch Thierkohle filtriren. Zur Reinigung von Leinöl hat man auch Eisenvitriol vorgeschlagen. Von Pflanzenölen finden besonders das Leinöl, Olivenöl, Rapsöl, Mandelöl, Kohlsaatöl, Senföl, Erdmandelöl, Ricinusöl u. Nußöl Anwendung; von festen Pflanzenfetten kommen vor: Cacaobutter, Palmbutter, Muskatbutter, Cocostalg, Sheabutter (dient in Westafrika statt der Kuhbutter), Lorbeeröl, chinesischer Pflanzentalg (von Stillingia sebifera; in China bereitet man daraus [234] Lichte) etc. Diese festen F. gewinnt man durch Auspressen unter Erwärmen od. durch Auskochen mit Wasser. Die thierischen F. werden meist durch Zerkleinerung des Zellgewebes u. Ausschmelzen gewonnen; auch hier wendet man Schwefelsäure an, welche das Ausschmelzen außerordentlich erleichtert, doch muß man sehr vorsichtig dabei verfahren, weil man durch zu viel Schwefelsäure einen leichtslüssigen Talg erhält, der zur Lichtfabrikation weniger tauglich ist. Bei manchen Fetten, z.B. Leberthran, genügt schon ein bloses Auspressen.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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