Prag [1]

Prag [1]

Prag, Hauptstadt des Königreichs Böhmen, ist die Residenz des Kaisers Ferdinand nach seiner Abdication, der Sitz der k. k. Statthalterei u. der übrigen höchsten Behörden des Königreichs; liegt an beiden Seiten der Moldau auf einem sanft ansteigenden Terrain, welches auf der linken Seite der Moldau von drei Bergrücken, dem Laurenziberge, dem Schloßberge u. dem Belvedererücken, u. auf der rechten Seite des Flusses vom felsigen Wyschehrad u. einer Hügelreihe umgeben ist. Die Stadt P. besteht aus fünf Stadttheilen, welche ehemals fünf Städte u. selbständige Gemeinden waren. Zur Bezeichnung derselben bedient man sich allgemein der Ziffern I – V. Die Altstadt (I) ist der Mittelpunkt des Verkehrs u. des Handels, der Sitz der Stadtbehörden u. fast sämmtlicher Unterrichtsanstalten, so der Universität, des Polytechnikums u. der höheren Handelslehranstalt; die Neustadt (II) erst unter Karl IV. entstanden, unterscheidet sich von der eng u. unregelmäßig gebauten Altstadt durch die Regelmäßigkeit der Straßen, großartige u. elegante Bauten u. weite Plätze; der obere Theil ist der Sitz der meisten Wohlthätigkeits- u. Sanitätsanstalten, wie der Kliniken; die Josephstadt od. Judenstadt (V) zwischen der Altstadt u. der Moldau, der Hauptsitz der Juden, mit engen, düsteren Gassen, dem Judenfriedhof, Synagoge, Altneu- (Altenoi-) schule, 1260 erbaut. Außer diesen auf dem rechten Moldauufer liegenden Stadttheilen liegen auf dem linken Ufer die Kleinseite (III), der Sitz der k. k. Landesbehörden u. des alten Adels. Der Hradschin (IV) mit der kaiserlichen Hofburg, der Residenz des Kaisers Ferdinand, dem Sitz des Erzbischofs u. der übrigen höchsten Geistlichkeit des Landes u. dem unvollendeten St. Veitsdom mit dem Grabmal des St. Johann von Nepomuk. Außer diesen fünf Stadttheilen gehören noch zur Stadt P. die Vorstädte: Wyschehrad auf dem rechten Moldauufer, im Süden unmittelbar an die Neustadt anstoßend; die nordöstlich an die Neustadt sich anschließende Fabrikvorstadt Karolinenthal u. auf dem linken Ufer die Fabrikvorstadt Smichow, welche nur durch die Festungsmauern von der Kleinseite getrennt ist. Diese Vorstädte bilden selbständige Stadtgemeinden. Nach der Volkszählung von 1857 beträgt die Anzahl der Einwohner (ohne Militär) 153,159; rechnet man hiezu die Bevölkerung der anstoßenden Vorstädte Karolinenthal mit 12,000 u. Smichow mit 9000 Seelen u. die Garnison mit 5000 Mann, so ergibt sich eine Gesammtbevölkerung von 179,159 Einwohnern, von denen 8000 bis 10,000 Juden sind. Die Sprache der Gesellschaft u. des Verkehrs ist vorwiegend die deutsche, der Kleingewerbstand u. die Arbeiterklasse sind czechisch u. sprechen durchweg ihre Nationalsprache, obgleich der erstere durch das Zusammenleben mit den Deutschen die Fähigkeit besitzt, sich der Deutschen Sprache zu bedienen.

Die Moldau fließt durch P., erst von Süden nach Norden, dann nach Osten sich wendend u. in der Stadt vier Inseln, die Sophien- (Färber-), Schützen-, Malteser- u. Wasserthurminsel, beim Austritt aus der Stadt aber zwei größere, die Hetzinsel (Großvenedig) u. die Köpplische od. Rohansche Insel, u. drei kleinere Inseln bildend. Über die Moldau führt eine 351/2 Fuß breite, 1790 Fuß lange steinerne Brücke (Karlsbrücke) von 16 Doppelbogen, geziert mit 29 Bildsäulen von Heiligen, darunter die vorzüglichste die bronzene des St. Johann von Nepomuk, u. ein kupfernes, stark vergoldetes Crucifix; am Eingange derselben stehen zwei Thürme; sie ist 1358 durch Peter Arler begonnen, 1507 vollendet u. 1784, vom Eis beschädigt, reparirt worden u. hat gußeiserne Trottoirs. Seit 1841 ist über die Moldau noch eine Kettenbrücke oberhalb der steinernen Brücke über die Schützeninsel geführt worden, sie ruht auf zwei Seiten- u. zwei Mittelpfeilern. Von der steinernen Brücke nach der Kettenbrücke zieht sich das im Jahr 1840 entstandene Quai (Franzensquai) bis zur Sophieninsel. Die Eisenbahn-Viaductbrücke, die Fortsetzung des Viaducts der Böhmisch-Sächsischen Eisenbahn, setzt, nachdem derselbe Karolinenthal quer durchschnitten, dem Dorfe Bubna gegenüber, von der Hetzinsel aus über die Moldau. Der ganze Viaduct hat eine Länge von 3480 Fuß u. ruht auf 87 Bogen von Ouadersteinen. Von den acht Thoren sind das Strahöfer-, Sand- u. Roßthor die schönsten. Die Befestigungen sind alt, aber nach gegenwärtigem Stand der Kriegskunst von keiner Wichtigkeit mehr; sie bestehen aus 10 Bastionen des rechten, 18 des linken Moldauufers. Die Bastionen sind nach altdeutscher Art angelegt, die Flanken senkrecht auf den Courtinen, die Gräben sind verfallen, die Mauern aber in gutem Zustand. Ravelins u. andere Außenwerke gibt es nicht. Die Citadelle, der hochgelegene Wyschehrad, liegt am Südende der Stadt; der Hradschin, ein nur nach alter Weise mit Mauern umgebener Stadttheil auf dem linken Ufer, ist in die Befestigung der Kleinen Seite eingeschlossen u. bietet eine herrliche Aussicht auf die Stadt. Unter den 54 zum Theil kleinen Plätzen, sind der größte der Viehmarkt, der Roßmarkt, Wenzelsplatz, ist mehr eine breite, schöne Straße, mit Wasserbassins u. Reiterstatue des St. Wenzel u. einer anderen des St. Johannes; der altstädter große Ring ist unregelmäßig, mit Mariensäule u. verfallenem Marmorbassin; der kleine Ring ist ein unregelmäßiges Dreieck; der Hradschinarplatz vor dem Schloß, der [455] Welsche Platz auf der Kleinseite, mit Denksäule seit 1775, u. der kleinseltner Ring mit dem Radetzkymonumente, sind auch schöne Plätze. Von Straßen sind die neue Allee, die Kolowratstraße (Graben) u. die Chotekstraße etc. die schönsten. Die Bürgerhäuser sind meist nach altdeutscher, die Paläste der Großen nach italienischer Weise gebaut, doch geschieht jetzt auch viel zur Verschönerung durch im neueren Styl gebaute Häuser u. durch neuen Anbau. Kirchen: P. besitzt gegenwärtig noch 48 katholische Kirchen; die merkwürdigsten sind in der Altstadt: die Theinkirche (880) mit dem Grabmal Tycho's de Brahe, die Jakobskirche (1225) mit dem Denkmal des Maltesergroßpriors Wratislaw von Mitrowitz, die Kreuzherrenkirche zum St. Franz Seraphicus, am Brückenplatz, die St. Galluskirche (1230), an welcher Huß lehrte; in der Neustadt: die Kirche Karlshof, die Emmauskirche (Mariä Himmelfahrt), beide von Kaiser Karl IV. erbaut, die St. Ignazkirche, 1628 von den Jesuiten aufgeführt, die St. Johann von Nepomuk, die St. Adalbert- u. Maria Schneekirche; auf der Kleinseite: die Nikolaikirche, fast mit Marmor u. Gold überladen, mit werthvollen Gemälden, davor Denksäule wegen der Pest 1713, die Malteserkirche mit Großpriorat der Malteser u. deren Archiv, die Thomaskirche (1228) mit Gemälden von Rubens; auf dem Hradschin: die Metropolitankirche, der Dom St. Veit; 930 wurde an dieser Stelle von Wenzel dem Heiligen eine Veitskirche gegründet, welche jedoch von unbedeutendem Umfange war; den Grundstein zu dem jetzigen Bau legte König Johann von Luxemburg (1344), mit seinem Sohne Karl IV., welcher Letztere sie mit Hülfe des Baumeisters Mathias Arras u. später des Peter Arler bis zu ihrem gegenwärtigen Umfange, welcher nur den Chor enthält, ausbaute. Der Dom sollte eine Nachbildung des Kölner Doms sein. Das Schiff ist nie weiter als bis einige Fuß über die Erde gelangt, auch der Thurm ist unvollendet geblieben u. später nach dem Brande u. der Beschießung 1757 ungeschickt ergänzt worden. Das Innere der Kirche ruht auf 36 Säulen u. ist 157 F. lang, 144 F. breit, 116 F. hoch; der Hochaltar ist mit einem Bilde von Bernhard von Orley die Flügelbilder von Schüler Michael Coxcie u. überhaupt die Kirche mit vielen Gemälden, bes. der Italiener u. Neuerer, geschmückt; sehr merkwürdig ist das silberne Grabmal des St. Johann von Nepomuk (der Sarg, worin dessen Gebeine verwahrt werden, mit den vier menschengroßen Engeln, wiegt 30 Centner Silber). Noch enthält der Dom die St. Wenzelskapelle, von Karl IV. 1367 erbaut, mit Reliquien dieses Heiligen, seinem Panzerhemd, Schwert (womit der König von Böhmen bei der jedesmaligen Krönung Ritter schlug) u. mit Wandgemälden durch Edelsteine eingelegt, verziert, außerdem viele andere Kapellen (jedes Fenster ist zu einer besonderen Kapelle benutzt, in einer derselben steht der große Leuchter, dessen Fuß aus dem Tempel Salomonis stammen soll) u. die Schatzkammer des Doms, mit der Krone u. den Insignien Böhmens; in der Mitte der Kirche erhebt sich das große Denkmal des Kaisers Rudolf II. u. seiner Gemahlin, darunter ruhen König Ladislaw, Georg von Podiebrad, Karl IV., Wenzel IV., Maximilian II., Ferdinand I., Rudolf II.; an der Außenwand des Doms ist eine Mosaik, die Auferstehung der Todten darstellend. Andere Kirchen auf dem Hradschin sind: die St. Georgskirche, um 990 erbaut, mit Grabmälern der Herzöge Borziwoj I., Wratislaw I., Boleslaw II. u. der Sta. Ludmilla; die Lorettokirche, mit heiligem Haus, von Ludmilla Popel von Lobkowitz nach jenem in Loretto gebaut, enthält einen reichen Schatz von Kirchengeräth (Monstranz mit 6666 Brillanten); Prämonstratenserkirche (Mariä Himmelfahrtskirche am Strahöfer Stift), mit Gräbern St. Norberts, des Stifters der Prämonstratenser, u. des Herzogs Wladislaw II., sowie mit Riesenorgel von 50 Registern, 3177 Pfeifen. P. hat 17 Stifte u. Klöster (worunter fünf Nonnenklöster), meist zu Unterrichts- u. milden Anstalten, Krankenhäusern u. dgl. bestimmt (außerdem zwei adlige Damenstifte). Außer den bisher genannten katholischen Kirchen u. Stiften sind noch die Kirche der Deutschevangelischen Gemeinde (früher St. Michaelskirche), das Bethaus der Böhmischen Gemeinde Augsburger Confession u. die Kirche der neuen Böhmischen Gemeinde Helvetischer Confession od. der Böhmischen Brüder (St. Clementskirche). Die Judengemeinde hat in der Josephs- od. Judenstadt außer der Altneuschule eine große Anzahl von Bethäusern od. Synagogen. Andere Gebäude in der Altstadt: das Rathhaus, auf dem Altstädter Ring (1350), die östliche Fronte 1838–48 im Gothischen Style neu aufgeführt; die astronomische Uhr am Thurme rührt aus dem Jahre 1490 her. Das Carolinum u. Clementinum (Universität); das erstere 138. von Wenzel IV. dazu bestimmt, die bisher zerstreuten Collegien der von Karl IV. gegründeten Universität aufzunehmen; das letztere, die zweite Hälfte der Universität, enthält die Hörsäle der theologischen, der philosophischen u. zum Theil der medicinischen Facultät; ferner die Sternwarte, die Universitätsbibliothek mit 120,000 Bänden u. 3500 Manuscripten, u. die Akademie der bildenden Künste. In der Neustadt: das Neustädter Rathhaus, das Hauptzollamt; auf der Kleinen Seite: das Landhaus, das gräflich Waldsteinsche Palais (Friedländerhaus); auf dem Hradschin: die königliche Burg, enthält 450 Zimmer, prächtige Säle (den Wladislawschen Huldigungssaal, von kühner Wölbung ohne Säulen, mit dem deutschen u. spanischen Tanzsaal, 212 F. lang, 64 F. breit), den ständischen neuern Sitzungssaal, so wie den kleineren älteren, aus welchem die drei kaiserlichen Bevollmächtigten 1618 durch das Fenster gestürzt wurden (Anfang des Dreißigjährigen Kriegs, s.d.), welche Begebenheit durch zwei Gedächtnißsäulen unter dem Hradschin bezeichnet wurde, vier (sonst 26) Thürme, in einem Hof die Reiterstatue St. Georgs, welche 1373 durch Clusenbach gegossen, aber wegen Beschädigungen im 16. Jahrh. umgegossen wurde, dabei der Lustgarten, worin ein Pavillon Belvedere, von Ferdinand I. gebaut, welcher fälschlich für die Sternwarte Tycho's de Brahe ausgegeben wurde, wird seit 1844 wieder hergestellt u. mit entsprechenden Gemälden al fresco ausgeschmückt; der Volksgarten vor dem Hradschin. Andere Gebäude auf dem Hradschin sind noch: der erzbischöfliche, zwei fürstlich Schwarzenbergische, der gräflich Czernische Palast.

Öffentliche Anstalten. Gelehrte u. Kunstgesellschaften: königliche Gesellschaft der Wissenschaften, k. k. Landwirthschaftsgesellschaft, Gesellschaft patriotischer Kunstfreunde, Verein zu Beförderung der Tonkunst in Böhmen, Verein der Kunstfreunde für Kirchenmusik, Verein zur Ermunterung des Gewerbgeistes etc. Unterrichtsanstalten: [456] Karl-Ferdinandeische Universität, gestiftet von Karl IV. 1348 (s. oben Carolinum u. Clementinum), nach dem Muster der Pariser als Collegium, wuchs durch die ihr ertheilten Freiheiten u. wurde, da sie die einzige in Deutschland war, so berühmt, daß 1409 über 20,000 Studenten in P. waren. Damals entstanden Streitigkeiten zwischen Einheimischen u. Fremden, die Deutschen wanderten aus u. durch sie wurden die Universitäten Leipzig, Ingolstadt, Rostock u. Krakau gegründet; die Prager verfiel aber. 1654 verband sie Ferdinand III. mit dem von Ferdinand I. gestifteten Jesuitercollegium, später wurden Joseph II. u. Franz II. ihre Erneuerer. Mit der Universität sind verbunden der Botanische Garten in der Vorstadt Smichow, das Zoologisch-physikalische Cabinet, Akologisches Cabinet, das Zoochemische Institut, die Thierarznei- u. Hebammenschule, Bildungsanstalt für Chirurgen. Außerdem besitzt P. ein erzbischöfliches Seminar od. Alumnat für junge Geistliche, für 140 Zöglinge, ein Wendisches Seminar für Zöglinge aus der Oberlausitz, Convict (für adelige Jünglinge), Ständisches technisches Institut, das älteste dieser Art in Deutschland (1806 gegründet u. von Gerstner organisirt), die Böhmische Gesellschaft der Wissenschaften, Akademie der bildenden Künste, Conservatorium für Musik, 1810 durch den Verein für Tonkunst gegründet, eine höhere Handelslehranstalt (1856 vom Handelsstande gegründet u. von K. Arenz organisirt), drei Gymnasien, drei Oberrealschulen, von denen eine ausschließlich czechisch ist, über 30 Haupt- u. Pfarrschulen, eine israelitische Unterrealschule u. eine protestantische Hauptschule, neun Privatlehranstalten u.a. Bibliotheken: Außer der Universitätsbibliothek u. der des Böhmischen Museums die des Stifts Strahof, 50,000 Bände, 1000 Manuscripte. Andere Sammlungen: Die bedeutendste von diesen ist das Böhmische Nationalmuseum, bes. durch den Oberstburggrafen Gr. Kolowrat 1818 gegründet, mit Bibliothek von 15,000 Bänden, 600 Handschriften (darunter die Königinhofer), Archiv, Münzcabinet, Ethnographische Sammlung, Naturwissenschaftliche Sammlungen, Vaterländischer Productensaal; Gemäldesammlung des Kunstvereins, der böhmischen Stände, der königlichen Burg u. mehre Privatsammlungen. Wohlthätigkeitsanstalten: Taubstummeninstitut, Privatblindeninstitut, ständische Augenheilanstalt, allgemeines Krankenhaus mit Gebär- u. Irrenhaus (nimmt zuweilen jährlich 16,000 Kranke auf), Siechhaus, sieben andere Spitäler, worunter die der Barmherzigen Brüder u. Elisabethinerinnen, Taubstummeninstitut, Blindeninstitut, Rettungsanstalt für Scheintodte, Findelhaus, zwei Waisenhäuser, sechs Versorgungsanstalten, Frauenverein, freiwilliges Arbeitshaus, zwei Kleinkinderbewahranstalten (worunter eine israelitische). Andere gemeinnützige Anstalten: Sparkasse u. Brandversicherungsanstalt; das neue Badhaus u. das St. Wenzelsbad, die Sophienbäder auf der Färberinsel, mehre Flußbäder in der Moldau, bes. Militärschwimmanstalt u. Civilschwimmschule an der Kleinseite.

Industrie u. Handel. Die Fabriken in P. liefern Maschinen u. Maschinenbestandtheile, Fayence, Kattun u. Leinwand, Liqueur, Gold- u. Silberwaaren, Handschuhe, Leder, Seidenzeuge, Tapeten, Zündhütchen in der Sellier-Bellotschen Fabrik (eigentlich 1/4 Stunde von der Stadt), Salpeter; die Landwirthschaftsgesellschaft veranstaltet jährlich eine Ausstellung von Rindvieh u. Schafen u. Landwirthschaftlichen Maschinen. Der Handel ist ansehnlich, bes. in Spedition u. Wechselverkehr, die Verkaufslocale sind reichlich u. elegant ausgeschmückt. Die Eisenbahn nach Brünn u. Wien u. die nach Dresden haben den Verkehr mit P. sehr gehoben; die Bahn nach Pilsen u. weiter bis an die baierische Grenze in das baierische Eisenbahnnetz wird 1862 eröffnet werden. Auch der Buch- u. Kunsthandel sind sehr bedeutend, 12 Buchdruckereien (uuter ihnen bes. die Gottl. Haase Söhne ausgezeichnet), Lithographische Anstalten, Kupferdruckereien, über 20 Buch- u. Kunsthandlungen, Leihbibliotheken, musikalische Leihanstalten, deutsche u. böhmische Zeitschriften bestehen. Vergnügungen: das ständische Theater, 1789 gebaut, zahlreiche u. treffliche Concertmusik; Redoutensaal. Spaziergänge u. Lustörter in u. bei der Stadt sind der Schloß-, Volks- u. der 1/2 Stunde entfernte Baumgarten bei Bubentsch, Sommeraufenthalt des Landeschefs, mit Park u. gothischem Schloß (letzter bes. zum Osterdienstag stark besucht), die Schützen- u. Hetzinsel (Großvenedig) u. bes. die reizende Sophien- (sonst Färber-) insel, ringsum mit Pappeln bepflanzt, durch eine hölzerne Brücke mit der Neustadt verbunden, mit Gasthaus u. Bädern; die Alleen auf dem Wall, die Wimmerschen Anlagen, östlich der Neustadt vor dem Kornthor, der Zdekanerische Garten. Entferntere Partien sind das romantische Scharkathal, an der Moldau etwa 11/2 Stunde weiter abwärts P. beginnend, der Sternwald an der Straße nach Sachsen u. am Weißen Berge (Schlachtfeld 1620), mit Waldalleen u. dem Jagdschloß Stern (jetzt Artilleriemagazin), in der Mitte der Friedrichsstem, ferner das Kuchelbad etc. Tanz u. Theater werden leidenschaftlich geliebt. Auch die Kirchenfeste werden zu Volksbelustigungen, bes. das Johannisfest am 16. Mai, wo die Statue Johanns von Nepomuk mit einer Kapelle überbaut ist, eine Menge Wallfahrer herbeiströmen u. ein Feuerwerk auf der Schützeninsel abgebrannt wird; das Fest in Emmaus, Ostermontag, Margarethenfest am 13. Juli der Abtei Breznow vor dem Strahofer Thore, an welchem alles nach dem nahen Sternwald strömt u. dort schmaust u. tanzt. In der Umgebung P-s sendet das Urgebirge von den Grenzen des Landes einen bewaldeten Höhenzug bis in die Nähe der Stadt. Außer diesen etwa 5 Meilen breiten u. 20 Meilen langen Granitrücken sind interessant die Formationen der Grauwacke, der Steinkohle u. des Rothliegenden mit vollständigster Entwickelung ihrer Glieder u. großem Reichthum an versteinerten Thierresten. Die ganze Formation zerfällt in eine untere, vorherrschend schieferige u. quarzige, u. eine obere, vorherrschend kalkige Abtheilung (die Kalksteinbrüche von Branik). Die Flora ist sehr mannigfaltig u. erinnert, namentlich bei einzelnen Laubgebüschen, an südlichere Gegenden. Das Klima ist im Ganzen mild; die mittlere Jahrestemperatur beträgt + 7,66 Grad R.

Die Sage nennt Libussa um 723 als P-s Erbauerin. Nach Ein. residirten die alten Herzöge auf dem Wyschehrad. 941 sollte P. vom Herzog Boleslaw dem Grimmigen von Böhmen zerstört u. die Residenz nach Altbunzlau verlegt werden, aber die Stände hinderten dies. Karl IV. vergrößerte P., indem er 1348 die Neustadt zu bauen begann. 1392 erregten die Bürger von P. gegen[457] König Wenzel einen Aufstand u. setzten ihn gefangen, s. Böhmen (Gesch.). Die Hussitenunruhen seit 1415 entspannen sich bes. in P. (s. u. Hussiten); P. wurde in diesen Kriegen mehrmals erobert u. verloren, blieb aber seit 1424, wo es Ziska einnahm, in den Händen der Hussiten, bis es sich 1433, als sich die Calixtiner durch die Prager Compactaten mit dem Kaiser einigten, diesem unterwarf. 1566 im Schmalkaldischen Kriege verlor P., als dem Kaiser Ferdinand I. feindlich gesinnt, seine Freiheiten, bekam dieselben jedoch später wieder. 1618 wurden hier die kaiserlichen Räthe aus den Fenstern des Schlosses geworfen, u. die böhmischen Stände wählten Friedrich V. von der Pfalz zum König, welcher jedoch am 8. November 1620 in der Schlacht auf dem Weißen Berge bei P. geschlagen u. P. erobert wurde. Im October 1631 eroberten die Sachsen P., verloren es aber im Frühjahr 1632 an Wallenstein wieder. Den 10. Mai 1635 hier Friede zwischen dem Kaiser u. Sachsen geschlossen, s. Dreißigjähriger Krieg. 1648 wurde die Kleine Seite von P. vom schwedischen General Königsmark überrumpelt, aber nach dem Westfälischen Frieden wieder geräumt. 1720 hier Friede zwischen Spanien u. Österreich. P. wurde im Österreichischen Erbfolgekriege in der Nacht vom 26. October 1742 von den Franzosen u. Baiern. überfallen u. genommen; im Decbr. von 70,000 Österreichern unter Prinz Karl belagert; im Sept. 1744 von Friedrich II. durch Capitulation erobert, aber schon im November wieder geräumt, s. u. Österreichischer Erbfolgekrieg. 1757 besiegte Friedrich II. den Prinzen Karl von Lothringen in der Schlacht von P, schloß die Österreicher in P. ein u. beschoß die Stadt, wurde aber durch die Schlacht von Kollin zum Abzug genöthigt. 1813 war im Juli u. Aug hier ein Congreß, um den Frieden Österreichs, Preußens u. Englands mit Frankreich zu vermitteln, s. u. Russisch-deutscher Krieg von 1812–15. 1844 fielen hier mehre Widersetzlichkeiten der Kattundrucker u. Eisenbahnarbeiter vor, welche jedoch bald gestillt wurden.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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